Wie die Weltpolitik in unsere Familie eindringt

Der Fuchs hatte die Gänse zu sich nach Hause eingeladen. Doch es wurde ihnen ein bisschen unheimlich, als sie vor seinem Bau standen. Und nicht nur ihnen, mir auch, und unsere beiden Zwillingstöchter blickten ängstlich auf den Fernseher. Ich habe sofort ausgeschaltet und meinem Mann erklärt, die »Sendung mit der Maus« sei viel zu grausam und definitiv unzumutbar für Kleinkinder.

So habe ich unseren ersten Versuch in Erinnerung, mit unseren Töchtern fernzusehen. Bis dahin hatten wir Medienkonsum abgelehnt. Aber meine Schwester arbeitete beim Kinderfernsehen, und sie hatte mir versichert, dass unsere Töchter keinen psychischen Schaden nehmen, wenn sie mal einen Zeichentrickfilm im Kinderprogramm schauen. Mein Mann fand meine Reaktion leicht übertrieben, trotzdem verging einige Zeit bis zum nächsten Versuch.

Hinter meiner Reaktion steckte natürlich der Impuls, die Kinder zu schützen, ihnen nicht die, leider brutale, Wahrheit zuzumuten, dass Füchse gern Gänse essen, im Animationsfilm ebenso wie in der Realität. Die Hamburger Psychotherapeutin Maren Lammers sagt, dass in kleine Container nur kleine Dinge passen und in große Container große. Es ist also richtig, die Grausamkeiten, Gemeinheiten, Lügen oder Ungerechtigkeiten dieser Welt Kindern nur dann mitzuteilen, wenn sie diese auch verarbeiten können, sonst entwickeln sie Ängste. Zugegeben, bei der Einschätzung, was zumutbar ist, kann man auch danebenliegen.

In wenigen Wochen werden unsere Töchter 17 Jahre alt. Sie konsumieren Medien, mehr als mir lieb ist, sie sind informiert über die Weltlage. Die entsetzlichen Videos aus der brennenden Bar im Schweizer Skiort Crans-Montana  liefen auf TikTok, es gibt tägliche Schreckensberichte über den Ukrainekrieg, im Netz ist zu sehen, wie in Minneapolis der am Boden liegende Demonstrant Alex Pretti von der United States Border Patrol erschossen wird. Wie groß muss ein Container eigentlich sein, damit das alles hineinpasst?

Ausschalten kann ich jedenfalls nicht mehr, auch wenn ich das gern würde, einerseits. Andererseits ist mir natürlich klar, dass unsere Töchter gut informiert sein müssen darüber, wie die Welt wirklich ist, damit sie sich in ihr sicher und bewusst bewegen können. Es sind nur noch 13 Monate, bis sie volljährig sind.

Und bald wird unsere Tochter ihre Gastfamilie und ihre Schulfreundinnen in den USA besuchen; sie ist zu einer großen Feier eingeladen. Ich finde es großartig, dass sie den Kontakt gehalten hat, dass sie diese transatlantischen Freundschaften pflegt, während in der großen Politik diese gerade zertrümmert werden. Und dann denke ich an die Gans vor dem Fuchsbau und überlege, ob sie dort wirklich sicher ist oder ob eine ICE-Truppe sich auf sie stürzen könnte, weil sie europäisch aussieht (wobei ich, zugegeben, gar keine Vorstellung davon habe, wie man europäisch aussehen könnte). Ja, ich weiß, das ist sehr unwahrscheinlich. Und trotzdem: Die Weltpolitik ist in unsere Familie eingedrungen und sitzt als ungebetener Gast am Tisch, während wir die Reise planen. Und ich kann sie nicht wieder hinauskomplimentieren.

Unsere Tochter hat übrigens keine Angst vor der Reise in die USA. Sie freut sich darauf. Gut so.

Und wie schützen Sie Ihre Kinder? Was darf in deren Container, und wofür sind sie noch zu klein? Ich freue mich, wenn Sie mir schreiben: familiennewsletter@.de 

Meine Lesetipps

Als ich schwanger war, wussten wir schnell, dass wir Zwillinge bekommen würden. Aber würde es ein Pärchen werden? Oder zwei Jungs? Zwei Mädchen? Darauf gab es erst mal keine Antwort. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass es ein Junge und ein Mädchen werden würde, und fand das auch sehr gut. Namen hatten wir auch schon ausgesucht.

Es wurden zwei Mädchen, und so war der halbe Wunsch erfüllt. Auch in Ordnung. Wie die Recherche meiner Kollegin Barbara Vorsamer ergeben hat, wünschen sich werdende Eltern heute eher, dass sie ein Mädchen bekommen . Jungs gelten als anstrengender, und um die alternden Eltern kümmern sich Söhne auch weniger. Da ist die Enttäuschung groß, wenn es doch ein Junge wird.

Wer enttäuscht ist über das Geschlecht des Kindes, dem empfehle ich, wie auch allen anderen Enttäuschten oder ungerecht Behandelten, unser Coaching »Enttäuschungen überwinden«. Denn um eine schmerzvolle Erfahrung hinter sich zu lassen, muss man sich erst mal eingestehen, dass man eine Verletzung erlitten hat – und die Wunde dann versorgen. Und sich dabei selbst trösten. Wie das funktioniert, erfahren Sie hier . Und falls Sie eine bessere Einschätzung haben wollen, wie Sie erlebtes Unrecht psychisch verarbeiten, dann könnten Sie unseren Selbsttest machen. Dort erhalten Sie auch erste Tipps.

Wenn unsere Zwillingstöchter eines Tages ausziehen, werden zwei Dinge, das steht schon fest, die Wohnung mit ihnen verlassen. Erstens: das Klavier. Zweitens: der Airfryer. Den hatte eine unserer Töchter sich zu Weihnachten gewünscht. Mein Mann und ich hatten – vergeblich – argumentiert, wir hätten doch einen Umluftherd, aber, nein, das sei nicht dasselbe, bekamen wir als Antwort. Seit ich diesen Text mit Airfryer-Anfängertipps gelesen habe , weiß ich, dass ich nicht die Wohnung mit dem Geruch von heißem Öl hätte einnebeln müssen, als ich heute Hähnchenfleisch gebraten habe. Ich teste also mal den Airfryer, auch für Kaiserschmarrn, noch ist er ja da. Ich bin nämlich in den vergangenen vier Wochen über Pommes nicht hinausgekommen.

Das jüngste Gericht

Bevor unsere Tochter in die Südstaaten aufbricht, können wir uns die Südstaaten einfach nach Hause holen. Das geht am einfachsten mit einem typischen regionalen Gericht, das die Köchin Verena Lugert in ihrem Rezept als vegetarische Variante  zubereitet. Vielleicht finde ich ja in einem Supermarkt die schwarzen Bohnen, die typisch sind, auch für südamerikanische Spezialitäten. Angebaut werden sie schließlich sogar in Europa, zollfrei.

Falls Sie Interesse an einem politischen Menü haben: Hobbykoch Peter Wagner hat 2009 das Amtseinführungsessen von Barack Obama nachgekocht. Man könnte es an einem wehmütigen, nostalgischen Familienabend gemeinsam genießen.

Mein Moment

Wenn man beim Barack-Obama-Essen zusammen am Tisch sitzt und die Weltpolitik sich dazu gedrängelt hat, dann geht es eben auch um politische Themen. Das kann dann auch zu Streitereien führen, vor allem wenn bei größeren Runden auch die Unterschiede zwischen den Haltungen groß sind . Ein Leser hat uns seine Erfahrungen geschildert:

»Mit der Zeit haben wir Strategien entwickelt, diese Konflikte zu entschärfen. Politische Diskussionen, Hundethemen und die Erziehungsfragen vermeiden wir inzwischen weitgehend – wir wissen, dass Streit hier fast garantiert ist. Stattdessen hat sich ein Thema etabliert, das überraschenderweise für Ruhe sorgt: Krankheiten. Da viele von uns – bis auf die Jüngeren, mich eingeschlossen – mit gesundheitlichen Einschränkungen leben, finden wir hier einen gemeinsamen Nenner, über den wir erstaunlich friedlich sprechen können. Manchmal wirken unsere Familientreffen eher wie moderierte Gesundheitsrunden, aber zumindest herrscht dabei Frieden.«

Herzlich
Ihre Marianne Wellershoff

Teenager (Symbolbild): »Wie groß muss ein Container eigentlich sein, damit das alles hineinpasst?«

Foto:

Mari Che / plainpicture

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