1. Taktischer Rückzug oder ernsthafte Reue?
Zwei tote US-Bürger innerhalb kurzer Zeit, eine Stadt in Revolte, Unmut selbst in den eigenen Reihen: Es läuft nicht gut für Donald Trump und seine brutale ICE-Truppe. Trump schickte Gregory Bovino, SS-Widergänger und das Gesicht von ICE, in Richtung Ruhestand und versprach, Mitglieder der Miliz aus Minneapolis abzuziehen (hier mehr dazu ).
Die große Frage ist: Sieht der US-Präsident, dass er zu weit gegangen ist? Oder sind das nur taktische Manöver? Eine Antwort auf die Frage könnte sein Umgang mit Heimatschutzministerin Kristi Noem liefern. Die erregte einst Aufsehen, weil sie in einem Buch beschrieb, wie sie ihre 14 Monate alte Hündin namens Cricket erschoss, weil diese zu wild war.
Ähnlich sensibel setzt Noem die Anti-Einwanderer-Politik von Trump um. In Werbespots warnt sie vor »abscheulichen Migranten-Kriminellen«. Geraten ICE-Mitarbeiter außer Kontrolle, schiebt sie die Schuld den Opfern zu, auch wenn Videos einen anderen Tathergang belegen.
Mittlerweile fordern die ersten republikanischen Senatoren Noems Rücktritt. Doch Trump empfing sie für zwei Stunden im Weißen Haus. Sie mache ihre Arbeit gut, sagte er. Ihr Job sei nicht in Gefahr. »Angesichts der Zurückhaltung Trumps bei Entlassungen in seiner zweiten Amtszeit ist es nicht ausgeschlossen, dass er Wort hält«, schreibt meine Kollegin Britta Kollenbroich in ihrem Bericht.
Damit wäre klar: Trumps Einlenken ist taktisch bedingt. Von Einsicht kann keine Rede sein.
Lesen Sie hier mehr: Sie galt als Trumps Vollstreckerin, jetzt wird sie für den Präsidenten zum Risiko
2. Steuersenkung schafft es nicht auf die Speisekarten
Haben Sie gehofft, Sie würden von der Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie profitieren, die CSU-Chef Markus Söder bei den Koalitionsverhandlungen durchsetzte? Dachten Sie, Sie könnten sich künftig wieder häufiger einen Teller Nudeln oder einen ordentlichen Burger leisten? Schlechte Nachrichten: Viele Gastronomen behalten das Geld lieber für sich selbst (hier mehr ).
Das legt eine höchst verdienstsvolle Datenanalyse meiner Kollegen Holger Dambeck und Alexander Preker nahe. Sie ergab, dass es auf den Speisekarten in ausgewählten Filialen von zehn bundesweit agierenden Restaurantketten kaum Bewegung gibt. In den untersuchten Restaurants von Block House, Dunkin Donuts, Five Guys, Pizza Hut und Dean & David blieben sämtliche Preise unverändert.
Dabei hatte Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) angekündigt, er werde genau darauf achten, »dass die Preissenkungen, die durch die Mehrwertsteuersenkung entstehen, auch wirklich bei den Kundinnen und Kunden ankommen«. Er hat nur vergessen zu sagen, was er tun will, wenn das nicht geschieht.
Dabei ist ein Restaurantbesuch für viele inzwischen unerschwinglich geworden. Laut Statistischem Bundesamt sind die Preise für Hauptgerichte seit 2020 um fast 36 Prozent gestiegen. Im Bereich Fast Food legten sie bis Dezember 2025 sogar um 39 Prozent zu.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: So machen Gastroketten Kasse mit der gesenkten Mehrwertsteuer
3. Neuer Trend: Gender Disappointment
Früher wünschten sich mehr Eltern einen Sohn als eine Tochter. Mittlerweile scheint sich das umgedreht zu haben, zumindest in vielen westlichen Ländern. Bei mir im Bekanntenkreis gibt es junge Frauen, die die Nachricht, dass sie Mütter eines Sohnes werden, geradezu in Panik versetzt hat.
Das »Gender Disappointment« – die Enttäuschung über das Geschlecht des Kindes – scheint ein Trend zu sein, wie meine Kollegin Barbara Vorsamer in ihrem Report erklärt. »In sozialen Netzwerken sah man schon Influencerinnen trauern, weil es auf der Gender-Reveal-Party blaues Konfetti regnete – und kein rosafarbenes«, schreibt sie. Diverse Studien deuteten darauf hin, dass dahinter mehr steckt als »die gefühlte Wahrheit einer überdrehten Onlinecommunity«.
Woher kommt der Trend? »Auch Frauen werden heute in der Regel finanziell eigenständig, sind jedoch weiterhin eher als Männer bereit, ihre Eltern im Alter zu pflegen«, schreibt Barbara. Eine erwachsene Tochter gilt demnach mittlerweile als Win-Win für die Altersvorsorge.
Ich halte noch eine zweite Erklärung für plausibel: Männer tauchen in der Berichterstattung vieler Medien, auch des SPIEGEL, vor allem als Problem auf. Irgendwann glauben das die Leute. Als Vater dreier Söhne kann ich nur sagen: Zur Enttäuschung besteht kein Anlass.
Lesen Sie hier mehr: Wollen Eltern etwa nur noch Mädchen?
Was heute sonst noch wichtig ist
Video zeigt Konfrontation zwischen Alex Pretti und Bundesbeamten – elf Tage vor tödlichen Schüssen: Alex Pretti wurde am 24. Januar von US-Bundesbeamten erschossen. Nun sind Aufnahmen einer früheren Auseinandersetzung des Mannes mit Einsatzkräften aufgetaucht.
Makler dürfen Wohnungssuchende nicht wegen ihrer Herkunft diskriminieren: Erfolg für die Klägerin: Makler dürfen Wohnungssuchende nicht benachteiligen, weil sie einen ausländisch klingenden Namen haben. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden. Humaira Waseem erhält Schadensersatz.
Tesla schließt erstmals ein Jahr mit Umsatzrückgang ab: Der von Elon Musk geführte Konzern Tesla leidet unter der rückläufigen Nachfrage nach seinen E-Autos. Der Umsatz ging im vergangenen Jahr spürbar zurück. Die Produktion zweier Modelle soll eingestellt werden.
Starmer buhlt um umfassende strategische Partnerschaft mit China: Das Verhältnis zwischen London und Peking war zuletzt belastet, jetzt strebt der britische Premier Starmer eine engere Zusammenarbeit mit China an. Das dürfte auch an den wachsenden Spannungen zwischen Europa und den USA liegen.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Mit »Eierdingern« zurück ins Rampenlicht
Ich habe selbst lange Handball gespielt und schaue es heute noch gern. Ich habe mich sehr über den Auftritt von Juri Knorr beim EM-Spiel gegen Frankreich gestern Abend gefreut. Zehn Tore, Man of the Match, Knorr hat endlich gezeigt, was er kann. Bis dato war er bei der Europameisterschaft merkwürdig blass geblieben. Mein Kollege Ron Ulrich hat ein schönes Porträt über den Spielmacher der deutschen Mannschaft geschrieben, der von sich selbst sagt: »Ein Teil von mir sucht das Rampenlicht, ein anderer verflucht es.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Mit »Eierdingern« zurück ins Rampenlicht
Was heute weniger wichtig ist
Mela-naja: Für die Premiere im Londoner Bezirk Islington ist angeblich erst ein Ticket verkauft, in Südafrika wurde der Film ganz zurückgezogen: Die Dokumentation »Melania« über First Lady Melania Trump, 55, scheint ein gigantischer Flop zu werden. Nicht ganz überraschend, wer will sich schon einen Werbefilm über Donald Trumps Gattin ansehen? Besonders würde es mich für Amazon freuen. Der Konzern hat nicht nur der Produktionsfirma von Melania Trump 40 Millionen Dollar für die Rechte gezahlt, sondern auch 35 Millionen Dollar in die Werbung investiert. Die »New York Times« sieht darin den Versuch, sich bei Präsident Trump einzuschmeicheln. Ein »75-Millionen-Dollar-Bestechungsfilm«, spottete der Komiker Jimmy Kimmel. Umso schöner wäre es, wenn der Streifen nichts einspielte.
Mini-Hohl
Hier finden Sie den ganzen Hohl.
Cartoon des Tages
Und heute Abend?
Könnten Sie sich zur Abwechslung auf unterhaltsame Weise mit US-Politik beschäftigen. Wie verlogen, korrupt und brutal die sein kann, haben amerikanische Autoren schon beschrieben, bevor Donald Trump es aller Welt vorführte. Eine rein subjektive Auswahl fünf großer Romane, die dabei helfen, die Gegenwart zu verstehen:
Dashiell Hammet, »Der gläserne Schlüssel« (The Glass Key) von 1931: In einer nicht genannten Stadt in den USA ringen verkommende Politiker, Polizisten und Gangster um die Macht. Einer der besten Kriminalromane aller Zeiten.
Robert Penn Warren, »Das Spiel der Macht« (All the King’s Men) von 1941: Der Klassiker handelt vom Aufstieg und Fall eines populistischen Politikers im tiefen Süden der USA.
James Ellroy, »Ein amerikanischer Thriller« (American Tabloid) von 1995: CIA, FBI, die Mafia, die Kubaner, die Ermordung John F. Kennedys, Sex, Gewalt – wer da nicht auf seine Kosten kommt, dem ist nicht zu helfen. Nix für Fans von Triggerwarnungen.
William Kennedy, »Roscoe« (nicht übersetzt) von 2002: An reale Ereignisse angelehnte Beschreibung der politischen Machtmaschine in Albany, der Hauptstadt des Staats New York. So spannend wie erhellend.
Philip Roth, »Verschwörung gegen Amerika« (The Plot against America) von 2004: Nicht Franklin D. Roosevelt, sondern der Isolationist und Antisemit Charles Lindbergh zieht mit seiner »America First«-Ideologie als 33. Präsident ins Weiße Haus ein. Die Suche nach Parallelen zur Gegenwart ist nicht allzu mühsam.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Bleiben Sie uns gewogen!
Herzlich
Ihr Ralf Neukirch, Leiter Meinung und Debatte
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Julian Fiebach