Die Abwehr steht, das Tempo stimmt – so steht es um das DHB-Team

In Dänemark, Schweden und Norwegen beginnt an diesem Donnerstag die Handball-Europameisterschaft, die deutsche Auswahl startet am Abend in das Turnier (20.30 Uhr, TV: ARD). Wo sie sportlich steht? Gute Frage. In den vergangenen Jahren spielte die DHB-Mannschaft mal um Titel, bei Olympia 2024 verpasste sie im Finale gegen Dänemark Gold. Mal fehlte ihr zum Kampf um Medaillen allerdings einiges, so war es beim Viertelfinal-Aus bei der WM 2025.

Und nun? Haben die deutschen Handballer realistische Medaillenchancen? Hier kommen sechs Fragen und Antworten zum DHB-Team bei der EM.

Wie gut ist die deutsche Nationalmannschaft?

Ziemlich gut, und sie hat zweifellos die Qualität in Spitze und Breite, damit sie zumindest um Medaillen kämpfen kann.

Im Herbst schlug das Team die als Geheimfavorit gehandelten Isländer 42:31. Es war eine der besten Leistungen des DHB-Teams seit Olympia (auch wenn das »Rückspiel« drei Tage später verloren ging). Und zuletzt gab es eine doppelte Generalprobe gegen den Vizeweltmeister Kroatien. Beide Partien konnte Deutschland gewinnen.

Noch ein Umstand macht beim DHB Hoffnung, dass dieses Turnier besser läuft als die WM: Vor einem Jahr wirkten die Spieler ausgelaugt, sie schleppten sich uninspiriert zu Testsiegen gegen Brasilien. Krankheiten und Verletzungen setzten dem Team gleich vom ersten Tag an zu.

Als Konsequenz starteten die Profis nun zwei Tage später in die Vorbereitung, sie wirken dadurch ausgeruhter. Einzig die Nationalspieler Renārs Uščins und Nils Lichtlein bereiten aufgrund ihrer Blessuren Sorgen. Eine Turnierteilnahme ist aber nicht in Gefahr.

Auf welche Spieler kommt es an?

Die Achse ist bekannt: Torhüter Andreas Wolff im Tor, Julian Köster und Juri Knorr im Rückraum, noch dazu Kapitän Johannes Golla am Kreis führen diese Mannschaft an. Sie alle haben in ihren Klubs bislang eine starke Saison gespielt. Knorr konnte sich mit seinem Wechsel von den Rhein-Neckar Löwen ins dänische Aalborg aus dem deutschen Rampenlicht entfernen, das er nach eigener Aussage »teils gesucht, teils verflucht« habe. Bei seinem neuen Klub kommt er regelmäßig in der Champions League zum Einsatz, in der dänischen Liga hat Aalborg alle Saisonspiele gewonnen, Knorr spielt insgesamt stärker.

Die Qualität im DHB-Team ist aber derzeit so hoch, dass selbst Knorr zuletzt erst nach einer Viertelstunde von der Bank kam, weil Köster die Rolle des Mittelmanns im Angriff erfüllte. Köster, Rückraumspieler vom VfL Gummersbach, entwickelt sich zu einem Schlüsselspieler der DHB-Mannschaft, weil er mit seiner Dynamik und seinem Spielverständnis eine Partie an sich reißen kann.

Noch dazu bildet er den etatmäßigen Mittelblock mit Golla – doch auch hier hat der Bundestrainer Alfred Gíslason eine Reihe von Möglichkeiten, Golla und Köster müssen nicht durchspielen. Das ist neu: Die Nationalmannschaft verfügt über so viele Optionen im Kader, dass die Führungskräfte Pausen erhalten können.

Welche Spieler könnten überraschen?

Das Zeug zum Shootingstar besitzt Turnierneuling Miro Schluroff. Der 25-Jährige hat die seltene Gabe, im Rückraum sowohl links als auch rechts spielen zu können und hat laut Co-Trainer Erik Wudtke »ein Fass im Arm«. »Wichtig ist, dass ich auch nicht zweifele, wenn mal einer vorbeigeht. Das ist Teil unseres Jobs«, sagte Schluroff am vergangenen Montag. Wer sich mit ihm unterhält, bekommt einen Eindruck von seiner viel gelobten Unbedarftheit. Und das nicht nur auf der Platte: Schluroff ist jetzt schon der Entertainer im Team, der auf den Busfahrten für Lachtränen sorgt.

Sein Gummersbacher Mannschaftskollege Tom Kiesler ist ebenfalls ein Newcomer in der Nationalmannschaft. Seine ersten Auftritte zeigten, dass er die Mannschaft prägen kann. Kiesler ist Abwehrspezialist, ein Typ wie DHB-Abwehrikone Oliver Roggisch, der furchtlos in die Zweikämpfe geht und für die Blocks sorgt.

Ablenkung findet er in der Natur. »Ich habe seit zwei, drei Jahren einen Jagdschein. Ich mag es, mal für mich allein zu sein«, sagte Kiesler. Prädestiniert als Durchbruchspieler wäre auch Nils Lichtlein, Spielmacher des Deutschen Meisters Füchse Berlin, der mit seinen Pässen eine Abwehr auseinanderreißen kann. Doch hinter Köster und Knorr konnte sich Lichtlein bislang selten auszeichnen, zudem geht er angeschlagen in die EM.

Wer sind die Gegner?

Schon in der Gruppenphase wird es herausfordernd für die Deutschen, aber das ist noch kein Vergleich zur möglichen Hauptrunde. Der erste Gegner am Donnerstag, Österreich, spielt laut Torhüter Wolff »Anti-Handball«. Damit meint er, Österreich mache das Spiel langsam und setzt vermehrt auf die Sieben-gegen-sechs-Variante, indem sie den Torhüter aus- und einen siebten Feldspieler einwechselt. Mit dieser Marschroute haben die Österreicher die DHB-Auswahl jüngst immer wieder geärgert.

Wolffs Aussagen werden in Österreich kontrovers diskutiert. »Wir haben keine Extramotivation gebraucht und sie trotzdem bekommen«, sagte Linksaußen Sebastian Frimmel.

Der zweite Gegner, Serbien, ist nach Personalwechseln schwer einzuschätzen. »Sie haben mehr Schwankungen als die anderen Gegner«, sagte Bundestrainer Gíslason am Montag. Die Spanier als dritter Gegner haben gerade einen Umbruch hinter sich gebracht, versammeln große Talente in ihren Reihen, sind aber von früherer Ausnahmeklasse entfernt.

Deutschland kann in der Form der Kroatien-Testspiele alle drei Partien für sich entscheiden – und muss es mit Blick auf die Hauptrunde wohl auch. Die beiden ersten Gruppenteams kommen weiter, der Sieger des Duells zwischen den Erstplatzierten nimmt seine Punkte mit in die mögliche »Monstergruppe«. Denn in der zweiten Turnierphase werden, wenn es in den anderen Gruppen auch keine Überraschungen gibt, die Übermannschaft Dänemark, der amtierende Europameister Frankreich, Deutschlands WM-Schreck Portugal und Norwegen warten. Um ins Halbfinale zu kommen, müssen Wolff und Co. drei dieser Hochkaräter hinter sich lassen.

Was muss(te) die deutsche Mannschaft verbessern?

Mit Blick auf das Turnier 2025 schien die Mängelliste lang: schlechtes Tempospiel, zu wenig Variationen im Angriff, löchrige Abwehr und fehlende Effizienz. Nun hat der Bundestrainer schon bei der Nominierung klar kommuniziert, dass sein Fokus auf der Abwehr liegt. In der Historie war dieser Mannschaftsteil das Prunkstück der deutschen Teams. Das kann auch jetzt so werden und, gepaart mit dem wohl besten Torhütergespann des Turniers (Wolff plus David Späth), zur Basis für ein gefährliches deutsches Tempospiel werden.

Im modernen Handball geht es hin und her, die Dänen spielen die sogenannte zweite Welle in Perfektion. Deutschland hatte in dieser Thematik jahrelang Nachholbedarf, zeigte sich zuletzt gegen Kroatien aber verbessert. Bleibt das Grummeln in Bezug auf den Positionsangriff, also das Spiel sechs gegen sechs. Noch zu oft tun sich die Spieler schwer, variantenreich und schnell eine statische Deckung zu knacken. Die Methode sieben gegen sechs soll wohl auf dem Trainingsplan stehen, kommt aber selten zur Anwendung.

Was sagt der Trainer?

Gíslason hat schon früh nach der Auslosung die EM als das »schwerste Turnier« klassifiziert, bei dem er je mitgemacht habe. Nach nunmehr über einhundert Länderspielen ist diese Mannschaft die Seinige. Gíslason war es, der Spieler wie Knorr oder Köster seinerzeit sogar aus der zweiten Liga in die Auswahl einführte. Er hat den Umbruch bewältigt und von Corona-Turnieren über Heim-EM die Auswahl nach außen hin geschützt.

Nach der WM 2025 wurde ihm jedoch angekreidet, in den Ansprachen zu unkonkret und in der Spielweise zu unkreativ gewesen zu sein. Ein Bekenntnis zu Gíslason über das Turnier hinaus umschiffte der DHB-Präsident Andreas Michelmann, und das, obwohl dessen Vertrag bis 2027 läuft. So hat der Verband selbst unnötig für Zündstoff gesorgt. »Vor so einem Turnier muss man eine solche Diskussion nicht starten«, sagte der Ex-Nationalspieler Pascal Hens beim Streamingdienst Dyn. Ob das Thema die Mannschaft im Turnierverlauf beeinflussen wird, ist derzeit aber nicht ersichtlich.

Juri Knorr am Tag vor dem EM-Start

Foto: Sina Schuldt / dpa

Miro Schluroff

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Marco Wolf / wolf-sportfoto / IMAGO

Bundestrainer Alfred Gíslason

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