Die fortschreitende Klimakrise bedroht weltweit die Pflanzenvielfalt: Laut einer Modellrechnung könnten bis Ende des Jahrhunderts zwischen 7 und 16 Prozent aller Gefäßpflanzen vom Aussterben bedroht sein, schreibt ein Forschungsteam der University of California in Davis im Fachmagazin »Science«. Gefäßpflanzen (Tracheophyta) besitzen, etwa im Gegensatz zu Moosen, ein komplexes Transportsystem für Wasser und Nährstoffe.
Viele Pflanzen reagieren bereits heute auf die Klimaerwärmung, etwa indem sie sich in kühlere Gebiete verlagern: zu den Polen hin oder in höher gelegene Habitate. Für rund 6600 Spezies sind solche Veränderungen dokumentiert.
Das Forschungsteam berechnete nun für diese Arten, ob die Verlagerungen schnell genug verlaufen, um mit der Klimaerwärmung Schritt zu halten. Dafür kombinierten sie Informationen zu 6,8 Millionen bekannten Pflanzenstandorten mit Habitatmodellen und verschiedenen Klimaszenarien bis zum Jahr 2100.
Gefahr in der Arktis besonders groß
Mit diesem Modell prognostizierten sie dann die Entwicklung für rund 68.000 Pflanzenarten, etwa 18 Prozent aller bekannten pflanzlichen Spezies. Die Simulationen ergaben, dass sich theoretisch zwar die meisten Arten ausreichend schnell verlagern könnten. Viele davon, je nach Klimaszenario zwischen 7 und 16 Prozent, könnten bis 2100 aber mehr als 90 Prozent ihres Lebensraums verlieren.
Dies betrifft der Studie zufolge insbesondere Arten jenseits des nördlichen Polarkreises: Dort können viele Spezies nicht weiter polwärts ausweichen, oder sie können sich voraussichtlich nicht an die Erwärmung anpassen, die in der Arktis besonders schnell verläuft.
Auch für Wälder entlang des Mittelmeeres prognostiziert die Studie große Verluste der Vielfalt. In den schon heute niederschlagsarmen Regionen könnte die zunehmende Trockenheit zur größten Bedrohung werden. Besonders dramatisch wäre die Entwicklung demnach auch entlang der Süd- und Südostküste von Australien. Manche Regionen in Deutschland und Nordeuropa könnten demnach bei einem mittleren Emissionsszenario über 20 Prozent der pflanzlichen Biodiversität verlieren.
Neu eingewanderte Arten könnten auch Vielfalt vergrößern – mit ungewissem Ausgang
An anderen Orten, auf insgesamt 28 Prozent der Landflächen, könnte die Vielfalt durch neu einwandernde Spezies dagegen steigen. »Gebiete, in denen die Artenvielfalt voraussichtlich zunehmen wird, liegen meist in feuchten Regionen oder in solchen, für die eine zunehmende Feuchtigkeit prognostiziert wird«, sagt Erstautorin Junna Wang. Das betreffe den Osten der USA, den Süden Südamerikas sowie Teile von Frankreich, Indien und Südostasien.
Offen ist allerdings, wie neue Artgemeinschaften miteinander auskommen. »Einige Arten werden zum ersten Mal aufeinandertreffen«, sagt Studienleiterin Xiaoli Dong. »Das Ergebnis ist schwer vorherzusagen.« Die Studie zeige, dass der Klimawandel zum entscheidenden Faktor für das Überleben vieler Arten werde. »Wenn wir die Aussterberaten von Pflanzenarten senken wollen, wird eine aggressive Reduzierung unserer Emissionen viel wichtiger sein als andere Maßnahmen.«
Die Forschenden betonen auch, dass solche Prozesse nicht linear verlaufen. So werde in arktischen Ökosystemen zwar seit den Achtzigerjahren eine Zunahme von Pflanzenwachstum beobachtet, das sei aber wahrscheinlich nur vorübergehend. Und akute Phasen des Baumsterbens zeigten, dass Artensterben ruckartig ablaufen könnten.
Die Berechnung beruht zudem auf gängigen Pflanzenarten. Seltene Arten seien in den Datensätzen kaum vertreten, räumt das Team ein. Daher sei die berechnete Aussterberate wahrscheinlich zu niedrig. Angesichts dieser Perspektive steige die Bedeutung von Saatgutbanken, botanischen Gärten und anderen Klimarefugien. Dort könnten Pflanzen samt ihrer genetischen, medizinischen und kulturellen Bedeutungen erhalten bleiben.