»Ich habe Angst davor, nach Hause zu kommen, und das Tier ist nicht da«

Je länger ich allein lebe, desto mehr ertappe ich mich bei den Hunden. Ich finde Hunde zunehmend süß, drollig, herzig, ja interessant. Nicht nur als Lebewesen, die einer anderen Spezies angehören, sondern als Charaktere. Yep, im Hund erkenne ich seit geraumer Zeit die eigenständige Persönlichkeit, was nur ein sicheres Zeichen dafür ist, dass ich a) Hunde als Projektionsfläche nutze und b) glaube, dass ein Hund ein guter Begleiter durchs Einsamsein wäre.

Diese Empfindung war so lange schambesetzt, bis ich mit Sonja Störmer telefoniert habe. Störmer ist Trauerbegleiterin für Menschen, die ein Haustier verloren haben oder ein Haustier beim Sterben begleiten.

Von ihr habe ich gelernt, dass die Beziehung zwischen Mensch und (Haus-)Tier keine niederen Ranges ist, sondern als emotional schlüssige und wertvolle Verbindung eingestuft werden muss. Intuitiv war mir das schon vorher klar gewesen: Man kann sich auch im Kreis guter Freunde einsam und nicht zugehörig fühlen, mit einem vertrauten Tier passiert das eher nicht. Die Beziehung zum Haustier ist geprägt von großer Beständigkeit, von Loyalität und Hingabe. Sie ist stabil und frei von Scham oder Leistungsdruck. Kein Retriever wird jemals sagen: »Also, deine Performance lässt echt zu wünschen übrig, Kollege.«

Heute, da Beziehungen immer flüchtiger und unverbindlicher werden, seien Tiergefährten oft »ein Ankerpunkt im Leben«, sagte mir Störmer. »Ein Hund lästert nicht hinter deinem Rücken, eine Katze wird dich nicht mobben oder sonst wie verraten.« Das stimmt, auch wenn die von mir innig verehrten Französischen Bulldoggen manchmal schauen, wie ein mürrischer Hauslehrer, der genervt ist vom Unverständnis des Schülers.

Wenn die Bindung zu einem Tier über Jahre besteht, kann der Schmerz über den Verlust die Besitzerinnen und Besitzer in eine schwere Krise stürzen. »Das geht bis zu Depressionen und Suizidgedanken«, sagt Störmer. Das gelte nicht nur für die sprichwörtliche alte Dame, die den Tod ihrer Katze nicht verkraftet. Auch Menschen mit Familie, verheiratet und auch ansonsten gut integriert, können von Trauer überwältigt und aus der Bahn geworfen werden. »Ich habe Leute begleitet, die haben Kinder, sind zufrieden, und sagen dann: Natürlich würde ich meine Kinder nie gegen mein Tier eintauschen. Aber meine weitere Familie? Also, wenn dafür mein Hund wiederkäme …«

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