Was genau feiern wir heute eigentlich?

Keine Beziehung prägt wie eine Mutter-Kind-Beziehung. Sie ist unser erstes Flugzeug, das wir bauen, um durchs Leben zu segeln. Deshalb sticht wohl kein anderer Tag wie der Muttertag ins Herz, wenn diese erste Beziehung misslingt.

Eine Mutter, so steht es im Duden, ist eine Frau, die ein Kind geboren hat. Er koppelt die Mutterschaft an die Geburt. Doch gibt es dort auch eine zweite Bedeutung: Eine Mutter ist eine Frau, die versorgt und erzieht. Es ist eine weitreichendere Definition, die Mutterschaft als ein Verhalten fasst.

Es ist die Erklärung, die an dem heutigen Tag gefeiert gehört. Oder betrauert. Denn nicht jede Frau, die gebiert, ist Mutter. Zum Muttersein gehört mehr, zum Muttersein gehört Bindung, und es ist verheerend für ein Kind, wenn diese Bindung nur unsicher erlebt hat – wenn dieses erste Flugzeug nie flog. Die Mutter-Kind-Beziehung hallt in uns in all den darauffolgenden Beziehungen nach.

Bindungstheoretiker John Bowlby nach besitzt jeder Mensch die angeborene Bereitschaft, bei Bezugspersonen Schutz zu suchen. Häufig ist das die Mutter.

Mary Ainsworth formulierte später verschiedene Bindungsstile aus, die sich aus dem Verhalten der Kinder ableiten (sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent). Später zeigten Forschungsergebnisse eine Stabilität der Bindungsstile über die Lebenszeit hinweg.

Wer frühkindlich innerhalb dieser Beziehung Schaden nimmt, kämpft damit häufig sein Leben lang.

Und ja, natürlich lastet auf dem heutigen Tag Druck. Auf Frauen lastet Druck. Blumensträuße, Kärtchen und Gutscheine wollen gutmachen, was die meisten Mütter das gesamte Jahr über stemmen: Care-Arbeit. Mütter stecken zurück, Mütter sagen Verabredungen ab, Mütter verzichten auf Karrieren. Um da zu sein. Wir denken an sie, an diesem einen Tag, und es ist so schmerzhaft offensichtlich, dass es zu wenig ist. Der Muttertag ist die kleine Kerze des patriarchalen Systems, die brennt.

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