Ein Buckelwal weckt mehr Gefühle als die SPD

Das Gespräch ist fast vorbei, da sagt Robin Mesarosch einen Satz, der Hoffnung und Problem der SPD zugleich ausdrückt. Anfang Mai sitzt er im Büro der Bundestagsabgeordneten Isabel Cademartori. Die beiden bewerben sich gemeinsam um den Vorsitz der SPD in Baden-Württemberg. Bei der Landtagswahl im März holten die Sozialdemokraten dort nur noch 5,5 Prozent. Fast wäre die Partei zum ersten Mal in ihrer Geschichte aus einem Landesparlament verschwunden.

Ein Ergebnis wie dieses bedeutet weniger Geld, weniger Abgeordnete, weniger Wahlkreisbüros. Mesarosch versucht zu erklären, warum er glaubt, dass die SPD im Süden trotzdem noch eine Chance hat. »Es gibt genügend Beispiele auf der Welt, wo diese David-gegen-Goliath-Geschichten funktioniert haben. Wo sich gute Ideen gegen das Establishment durchgesetzt haben.«

Die SPD ist in diesem Szenario David?

Cademartori schnaubt. »Also Goliath sind wir mit 5,5 Prozent sicher nicht.«

Das ist die Lage der SPD im Jahr 2026: einst Volkspartei, heute in vielen Teilen des Landes ein Underdog.

Es ist schwer geworden, über die Krise der SPD zu schreiben, weil alle negativen Superlative längst verbraucht sind – und es danach immer noch weiter bergab ging. Bei der Bundestagswahl 2025 fiel die SPD auf einen historischen Tiefstwert von 16,4 Prozent. Heute steht sie in Umfragen bei rund 12 Prozent. In Baden-Württemberg holten die Sozialdemokraten schon 2021 ihr schlechtestes Ergebnis und halbierten es 2026 dann noch. In Rheinland-Pfalz müssen sie nach 35 Jahren die Staatskanzlei und in München nach 42 Jahren das Amt des Oberbürgermeisters abgeben.

Dennoch blieb es nach den Landtagswahlen im März erstaunlich ruhig. Die Krise der SPD löste kaum grundsätzliche Debatten über Personalien, Inhalte oder Strategien aus, weder in der Öffentlichkeit noch in der Partei selbst. Das Schicksal von Buckelwal Timmy weckte in dieser Zeit offenbar mehr Gefühle als der Niedergang der Sozialdemokratie.

Was passiert mit einer Partei, die so stumm in den Abgrund schaut? Ist sie noch zu retten? Und wie könnte so eine Rettung überhaupt aussehen?

Hier ist die Partei noch so, wie sie mal war

Vergangenen Sonntag in Kamp-Lintfort, eine ehemalige Bergarbeiterstadt am westlichen Zipfel des Ruhrgebiets. Die SPD hat zum Frühlingsempfang eingeladen, rund 100 Gäste sind gekommen.

Hier ist die Partei noch immer ein bisschen so, wie sie mal war. Es gibt Bier und Currywurst, aber nur die aus Fleisch. Genossinnen und Genossen werden nach 25, 50 und 62 Jahren Mitgliedschaft geehrt, in Kamp-Lintfort verbringen Menschen noch ihr ganzes Leben in der SPD. Auch um Wahlergebnisse muss die Partei sich dort nicht sorgen. Im Stadtrat regieren die Sozialdemokraten mit absoluter Mehrheit, und der SPD-Bürgermeister Christoph Landscheidt wurde im vergangenen September mit 75 Prozent im ersten Wahlgang wiedergewählt.

Es gibt in der SPD verschiedene Analysen dazu, welche Wege aus der Krise führen könnten. Das ist eine davon: Die Partei solle sich ein Beispiel nehmen an Orten wie Kamp-Lintfort. An kommunalen Hochburgen, wo die SPD noch pragmatisch sei, nah an den Menschen und deren Problemen. Die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas forderte mehrfach, ihre Partei müsse von Kommunalpolitikern lernen.

Verwandte Artikel

Next Post