»Ist Oma noch tot?« So ganz hat meine Tochter den Verlust ihrer Großmutter noch nicht begriffen. Wir auch nicht. Heute da, morgen weg: Das überfordert auch uns Erwachsene. Für eine knapp Dreijährige ist die Tragweite noch sehr viel schwerer zu verstehen.
Für ein Kleinkind ist »Tod« kein großer Begriff, sondern ein Zustand, den man überprüfen muss. Ist das noch so? Kann das wieder anders werden? In diesem Alter ist die Welt voller Rückkehr: Das Licht geht aus und wieder an. Man fällt hin und steht wieder auf. Man weint, und dann lacht man wieder. Warum sollte ausgerechnet dieses eine nicht wieder anders werden?
Kleinkindern fehlt das Verständnis für die Endgültigkeit des Sterbens. Dass Körper zum Stillstand kommen, mag für sie noch vorstellbar sein. Vielleicht sogar, dass es dafür Gründe gibt wie Alter oder Krankheit. Schwerer zu verdauen ist die Unumkehrbarkeit des Todes – und der Gedanke, dass es irgendwann jeden trifft.
Ich habe gelesen, es sei am besten, den Kindern ohne Umschweife die Wahrheit zu sagen, wenn eine vertraute Person stirbt. Das mag sein, aber als es so weit war, fühlte es sich trotzdem falsch an.
Ich habe außerdem gelernt, so ein Gespräch braucht drei Voraussetzungen: Ruhe, einigermaßen gefasste Eltern, ein Kind, das gerade zuhören kann. Und dann: einfach und konkret.
Bei uns gab es Kakao und Tee. Dann haben wir versucht, den Tod der Großmutter so behutsam und ehrlich wie möglich zu erklären: »Oma ist gestorben. Das bedeutet: Ihr Körper funktioniert nicht mehr. Sie kann nicht mehr atmen, nicht mehr sprechen und nicht mehr aufstehen. Sie kommt nicht mehr zurück. Wir sind traurig, weil wir sie sehr liebhatten.«
Das klang in unseren Ohren zunächst hart, aber für Kinder in dem Alter ist Klarheit wichtig. Umschreibungen wie »für immer eingeschlafen« können hingegen zusätzliche Sorgen bereiten, weil das Kind sich dann vielleicht nicht mehr zu schlafen traut.
Wir haben nicht lange gewartet. Kinder haben gute Antennen. Sie spüren, wenn etwas nicht stimmt. So war es auch bei meiner Tochter. Auffallend oft wollte sie zuletzt wissen, wie es ihrer Oma geht und wann wir sie wieder besuchen werden. Nun ahnt sie, dass es kein nächstes Mal geben wird. Bis sie wieder fragen wird, ob Oma noch tot ist.
Wie ist das bei Ihnen? Wer überbringt in Ihrer Familie schlechte Nachrichten und wie? Schreiben Sie mir an: familiennewsletter@.de Einige Zuschriften würden wir gern veröffentlichen, auf Wunsch auch anonym.
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Mein Moment
Zu meinem vergangenen Newsletter schrieb mir Christine aus Südbayern: Zwei Kinder, ein Teilzeitjob – und seit Jahren läuft im Hintergrund dieses ständige Rechenprogramm: Wie lässt sich alles möglichst reibungslos in den Tag pressen? Sie weiß, dass die Instagram-perfekte Welt eine Kulisse ist. Und doch verhält sie sich oft, als müsse sie sie nachbauen. Zeit soll »sinnvoll« sein, am besten effizient. Optimiert.
Selbst die viel beschworene »Me-Time« kommt in ihrer Wahrnehmung selten ohne Leistungsauftrag daher. Sport – für den Rücken, den Bauch, gegen die berühmten Winkearme. Yoga – für Achtsamkeit, Gelassenheit, und damit die Kinder künftig mit weniger Dezibel durch den Alltag begleitet werden.
Von ihrer vierjährigen Tochter lernte sie: Der Weg ist das Ziel. Das Mädchen hatte eine intensive Schnippel-Phase, in der es einzig ums Zerschneiden ging. Der Prozess war alles, das Resultat egal. Christine schaute sich das ab. Sie meldete sich zu einem Malkurs für Erwachsene an, eine alte, lange verschüttete Leidenschaft. Einmal pro Woche sitzt sie nun zwei Stunden da und macht etwas Kreatives.
Spoiler: Sie kann es nicht besonders gut. Die Ergebnisse sind nicht einmal familienintern wirklich präsentationsfähig. Aber es sind zwei Stunden, in denen sie etwas tut, schlicht weil sie es gern tut. Ohne Nutzen. Ohne messbares Ergebnis. Und sie merkt, wie gut ihr das bekommt: wie entlastend es ist, den Sinn einmal ganz bewusst herauszunehmen.
»Das war mein größtes Learning vergangenes Jahr: nicht alles sinnvoll zu machen. Sondern einfach zu tun, und ein bisschen mehr zu sein.«
In diesem Sinne
Ihr Philipp Löwe
Heute da, morgen weg: Der Tod überfordert Kinder wie Eltern
Foto: mrs / Getty ImagesRinderfilet in Gemüse und Rotwein
Foto: Andrea Thode