Er liebt dich mit geballter Knuffigkeit

Album der Woche:

Alle Zeichen stehen mal wieder auf Nostalgie, und warum auch nicht? Die Gegenwart will und will nicht weniger düster werden, in umso wärmeren Farben leuchtet die Vergangenheit. Auf Disney+ läuft gerade ein halbstündiges Special der »Muppet Show« im alten Theatersetting der Siebzigerjahre. Sie wissen schon: Kermit, Miss Piggy, Schweine im Weltall und viele Stargäste. Die Sendung ist offenbar ein Test, ob die legendär erfolgreichen Handpuppen von Jim Henson auch heute noch populär für einen neuen Serieneinsatz sind. Falls ja, und man hofft es sehr, wäre hier ein Vorschlag für eine Dauerresidenz als Gastsänger: Bruno Mars!

Auf seinem neuen Album »The Romantic« scheint sich der 40-jährige US-Amerikaner hawaiianischer Herkunft schon fast für eine Karriere als Muppet-Show-Musiker zu bewerben: So süß flöten die Background-Chöre in »Why You Wanna Fight?« die titelgebende Zeile »Warum willst du denn zanken?«, dass man beim Hören unwillkürlich die singenden Muppet-Blumen vor Augen hat, die in der Puppenshow immer wieder zum Einsatz kamen, unvergessen etwa 1979 mit John Denver oder 1981 mit Fozzie Bär, »Good Day Sunshine« trällernd . Wer braucht schon Residenzen in Las Vegas, wenn er in der »Muppet Show« ernst zu nehmende Konkurrenz für Pianist Rowlf werden könnte!

Aber Spaß beiseite: Bruno Mars verfügt natürlich über diesen Knuddelbäreffekt, den Robbie Williams und Justin Timberlake immer gern gehabt hätten, und zwar schon seit er damals in einer seiner ersten Singles ankündigte, für seine Geliebte sogar eine Handgranate abzufangen. »Grenade« hieß das Lied. Es machte den Sänger, Komponisten und Musiker, der eigentlich Peter Gene Hernandez heißt, zum Star. Seitdem gehört er zu den beliebtesten Anlaufstellen der US-Musikbranche, wenn es um Funk- und Soul-Grooves geht.

Einige seiner größten Hits hatte er kurioserweise mit Songs, bei denen er nur mitmachte, ihnen aber qua Stimme und Produktion einen unverwechselbaren Stempel aufdrückte: »Uptown Funk« von Mark Ronson, »APT.«, die um den Globus gewanderte Nummer-eins-Single von K-Pop-Star Rosé, »Die With a Smile«, den besten Song vom jüngsten Lady-Gaga-Album.

Aber auch »I Just Might«, die erste Single von »The Romantic«, dem ersten Mars-Album seit 2016, wenn man das Duoprojekt Silk Sonic mit Anderson .Paak nicht mitzählt, ging samt fröhlichem Schunkelschwung und funky Gitarre gleich nach ganz oben in den US-Charts. Im Videoclip probiert sich Mars im Stil der alten Tanzshow »Soul Train« an einem potenziell viralen Tanzmeme für TikTok. Auch wenn er sich mit Veröffentlichungen rar macht, gehört er zu den wenigen verlässlichen Hitgaranten der gegenwärtigen Popszene.

»I just might«, das heißt so viel wie »Ich könnt’s einfach mal machen«. Und so kommt »The Romantic« nicht als tonnenschwere Superstar-Veröffentlichung mit Dutzenden von Songs, Features und Bedeutungsballast daher, sondern als lässige, wie beiläufig hingeworfen wirkende halbe Stunde Musik, die ihre Vorbilder in den seligen Sechziger- und Siebzigerjahren sucht: beim schmelzenden Philly-Soul, beim Funk von Stax Records, bei Sam Cooke und Jackie Wilson. »Hallelujah«, entfährt es ihm in einem seiner neun Songs, als wäre er ein moderner Gospelsänger.

Die Produktion (von Mars und D’Mile) ist luxuriös und plüschig, könnte allerdings an manchen Stellen etwas mehr Tightness und Druck vertragen. Die stilistische Bandbreite von Bruno Mars, einem Tenor, der bis zu drei Oktaven singen kann, ist allerdings groß. In »Risk It All« klingt er zu Beginn fast wie Bryan Adams in einer seiner Powerballaden aus den Neunzigerjahren, wenn er beschwört: »There’s nothing I won’t do / I’d risk it all for you«. Dann nimmt der Song mit trägem Cha-Cha-Rhythmus und spanischem Gitarrensolo allerdings eine andere, beschwingtere Richtung.

»Cha Cha Cha« verführt dann nicht nur zum Paartanz, sondern vollführt auch das Kunststück, in einem Song von Steely Dans coolem Westcoast-Rock zu Barry Manilows schwülstigem Schlafzimmerpop zu gelangen.

Alles scheint hier Zitat: »On My Soul« wird von Curtis Mayfields »Move On Up« durchweht, die grandios vermurkste Rock’n’Soul-Schmonzette »Nothing Left« borgt sich seine Harmonien und Vibes bei Jimi Hendrix’ »The Wind Cries Mary«. Dem Look des Gitarrengotts der Sechzigerjahre huldigt Mars auch in seinem aktuellen Bandana-Outfit, mit dem er auch auf dem Cover von »The Romantic« zu sehen ist.

Frech. Aber wenn einer damit durchkommt – und sich mit geballter Knuffigkeit und Romantik an die Spitze des Nostalgietrends setzt, dann Bruno Mars mit einem betont unpolitischen Eskapismusalbum. Wobei: »Why Do You Wanna Fight?«, die zentrale Ballade, hat natürlich schon eine gesellschaftlich tragende Versöhnungsbotschaft. Einfach wie gemacht für die »Muppet Show«. (7.5/10)

Kurz Abgehört:

Mitski – »Nothing’s About to Happen to Me«

Auch das neue Album der in Japan geborenen US-Sängerin Mitsuki Miyawaki Laycock alias Mitski ist nur etwas mehr als eine halbe Stunde lang, aber mit Romantik oder der Sehnsucht danach hat es nicht viel zu tun. Es geht stattdessen um die Ernüchterung nach dem Schlussmachen des Partners, den Wunsch zu verschwinden, sich der Welt, der Liebe und ihren Zumutungen ins Alleinsein und Inerte zu entziehen. Angeblich habe sie die Siebzigerjahre-Schnulze »All By Myself« von Eric Carmen zu »Nothing’s About to Happen to Me« inspiriert, aber was daraus entsteht, ist keine kreative Flatline, sondern ein Füllhorn des Songwritings, prall mit Ideen und Soundfarben. Mal gibt es ruppigen Alternative-Rock zu hören, mal gemächlichen Country, mal traurigen Bossa (»I’ll Change For You«).

Die Lieder, sardonisch und melancholisch zugleich, handeln davon, vom Land in die Stadt zu flüchten, um Anonymität zu finden (»In a Lake«), davon, dass das von Liebe verlassene Haus eigentlich längst der Nachbarkatze gehört (»That White Cat«), sich in Gedankenspiralen zu verlieren, um den Geliebten zu halten (»I’ve been trying to start trying to be like someone you’d still like / Maybe if I could, you already would«), bis sich der ganze Herz- und Hirnfrust in lautem Noise-Rock entlädt: »I just want my mind to be a clear glass / Clear glass with nothing in my head«, wütet sie in »Where’s My Phone«, einem tollen Update des Pixies-Klassikers »Where Is My Mind« fürs Brainrot-Zeitalter.

Mitskis Hadern mit ihren Fans und dem Ruhm ist legendär, aber man hofft, dass sie sich nicht allzu sehr in ihre selbst gewählte Isolation verkrümelt, um all die gerechtfertigten Lobeshymnen auf ihr achtes, vielleicht essenziellstes Album zu verpassen. In einer besseren Welt müsste es für Indiekünstlerinnen wie sie längst Grammys regnen. (8.7/10)

Gorillaz – »The Mountain«

An diesem Freitagnachmittag, parallel zum Erscheinen ihres neuen Albums, veröffentlicht die sogenannte Multimedia-Popband Gorillaz einen animierten Kurzfilm  zu »The Mountain«. Vielleicht ist das folgerichtig, noch mehr als zuvor auf visuelle Narrative zu setzen, je unübersichtlicher allein die Gästeliste des Albums geworden ist. Hier alle prominenten Mitwirkenden aufzuzählen, würde den Rahmen dieser Kolumne sprengen, nur so viel: Es sind diesmal auch Stimmen aus dem Jenseits dabei, von Dennis Hopper, Bobby Womack, Mark E. Smith und Tony Allen zum Beispiel, verstorbenen Gorillaz-Kollaborateuren aus 25 Jahren Bandgeschichte.

»The Mountain« läutet mit einem esoterischen Schwerpunkt auf die Transzendenz zwischen Leben und Tod eine neue Phase im Wirken der Band ein. Musikalisch tendiert die Mountain-Ära eher nach Indien (»The Plastic Guru«) und in den Orient (»Damascus«, »Casblanca«), ein wenig so wie einst bei den Beatles, als die auch hier nun Drones brummelnde Sitar zum Einsatz kam.

Der Hintergrund ist jedoch ein ernster: Binnen zehn Tagen starben 2023 die Väter von Sänger Damon Albarn und Musiker/Comiczeichner Jamie Hewlett, als die beiden gerade in Indien waren. Aus der im Gegensatz zum Westen eher positiven, integrativen Haltung zum Sterben in der dortigen Kultur schälte sich ein Grundmotiv des Albums heraus: In Krise und Trauer das Erhabene zu finden. So ist das neunte Gorillaz-Album nicht nur das bisher weltläufigste, sondern auch das spirituellste und daher leider auch das bedächtigste. Als Soundtrack mit zusätzlichen optischen Reizen und Effekten wäre es tatsächlich besser geeignet als zum geduldigen Durchhören. (6.9/10)

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