ORF entlässt Ex-Generaldirektor Roland Weißmann

Im Mai schaut Europa auf den Österreichischen Rundfunk: Der ORF ist in diesem Jahr Ausrichter des Eurovision Song Contests und steht auch finanziell vor einer Mammutaufgabe. Als Sänger JJ 2025 mit »Wasted Love« triumphierte, sagte der damalige ORF-Generaldirektor Roland Weißmann: »Wir werden den Song Contest stemmen.«

Doch zwei Monate vor dem großen Event stand Weißmann selbst im Mittelpunkt der Berichterstattung: Der 58-Jährige trat im März mit sofortiger Wirkung von seinem Intendantenamt zurück. Er reagierte damit auf einen Vorwurf sexueller Belästigung, den er vehement zurückwies. Um Schaden vom Unternehmen abzuwenden, habe er dennoch sein Amt niedergelegt, erklärte sein Anwalt. Lesen Sie hier mehr zum ORF-Skandal.

Seine interimistische Nachfolgerin, Ingrid Thurnher, veranlasste daraufhin die Prüfung des Falles durch die senderinterne Compliance-Stelle und auch von externen Expertinnen und Experten. Roland Weißmann blieb derweil Angestellter des ORF.

Am Mittwoch berichtete der ORF nun über das Ergebnis der Untersuchung. Demnach liege »eine sexuelle Belästigung im rechtlichen Sinn im konkreten Fall« nicht vor. Allerdings erwarte die Anstalt von seinen Führungskräften »nicht bloß die Einhaltung zwingenden Rechts, sondern ein sehr hohes Maß an Integrität und Unterlassung jeglichen Verhaltens, das geeignet ist, dem Unternehmen zu schaden.« Jeder Anschein eines unangemessenen Verhaltens sei zu vermeiden.

Da Roland Weißmann »Compliance- und ethische Standards verletzt« habe, wird der ORF das Dienstverhältnis aufkündigen. Sowohl der ehemalige Generaldirektor als auch die betroffene Mitarbeiterin hätten sich der Befragung durch die Compliance-Stelle freiwillig gestellt. Aus Gründen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte will der ORF keine weiteren Details der Untersuchung veröffentlichen.

Weißmann scheint von seinem Rausschmiss überrascht worden zu sein. Wie sein Anwalt Oliver Scherbaum auf Anfrage des SPIEGEL sagte, habe er »noch nicht einmal die Kündigung erhalten«, sondern davon »aus der Zeitung erfahren«. Scherbaum zufolge wird der frühere ORF-Generaldirektor sich nicht mit der Kündigung abfinden. Diese werde »natürlich angefochten«, weil sie »schlichtweg konstruiert« sei, sagte der Anwalt.

Rasche und konsequente Aufarbeitung

In wenigen Monaten steht die Wahl eines neuen ORF-Generaldirektors turnusgemäß an. Weißmann, der der konservativen Volkspartei ÖVP nahesteht, hatte gute Aussichten auf eine Wiederwahl. Im ORF-Kosmos hatte er aber auch Widersacher.

Aktuell übt die bisherige Radiodirektorin Ingrid Thurnher, 63, das Amt aus. Sie bedankte sich laut Pressemitteilung bei Roland Weißmann »für seinen Einsatz und seine langjährigen Leistungen für den ORF.« Um »das Vertrauen der Österreicherinnen und Österreicher in die Programme des ORF abzusichern« sei »eine rasche und konsequente Aufarbeitung der offenen Compliance- und Governance-Themen von großer Bedeutung«, so Thurnher.

Und wie steht es um die Ausrichtung des Eurovision Song Contest? ESC-Direktor Martin Green hatte in einem Interview mit dem »Standard«  zuletzt versucht, Sorgen wegen des europäischen Musikwettbewerbs zu zerstreuen: »Die Phase, in der die Geschäftsführung eine große Rolle spielt, sind die ersten Monate, in denen man sich organisiert und festlegt, welche Art von Eurovision man machen will und alle wichtigen Entscheidungen trifft«, sagte der ehemalige BBC-Manager. Mittlerweile stehe die Show aber im Grunde schon.

ORF-Interimsintendantin Thurnher: »Aufarbeitung der offenen Compliance- und Governance-Themen«

Foto: Michael Indra / SEPA.Media / IMAGO

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