Lars Klingbeil will liefern. Mit dem neuen Altersvorsorge-Depot soll die private Vorsorge endlich einfacher, günstiger und attraktiver werden. Der Gesetzentwurf des Bundesfinanzministers ist im Kabinett verabschiedet und liegt seit Donnerstag im Bundestag. Das Ziel: Möglichst viele Menschen sollen zusätzlich zur gesetzlichen Rente sparen können – und das am besten mit Wertpapieren, insbesondere ETFs (börsengehandelte Indexfonds, die den Weltaktienmarkt kostengünstig nachbilden).
Das halte ich grundsätzlich für richtig. Die gesetzliche Rente allein wird für die meisten nicht reichen, wenn sie ihren Lebensstandard im Alter behalten wollen. Mit ETFs auf den internationalen Kapitalmärkten anzulegen, wäre mit Blick auf die vergangenen 50 Jahre das Mittel gewesen, um langfristig eine hohe Rendite zu erzielen. Acht Prozent im Jahr im Schnitt wären drin gewesen.
Ich rate eher dazu, goldene Zeiten nicht fortzuschreiben. Selbst wenn man aber sagt, in Zukunft wird es weniger werden, kann man im Schnitt mit sechs Prozent rechnen. Davon geht das Analyseteam bei »Finanztip« aus. Das ist dann immer noch deutlich mehr als die Inflation und für Altersvorsorge-Sparerinnen und -Sparer sehr erfreulich.
Die entscheidende Frage ist also nicht, ob, sondern wie ein solcher Gesetzentwurf das am besten fördert.
Und genau da beginnt die Herausforderung.
Verbraucherproblem Nr. 1: Der Kostendeckel – ein Witz?
Die neue Altersvorsorge soll in einem Depot stattfinden. So heißen Konten, auf denen man mit Aktien und Fonds spart. Bei solchen Depots fallen jährlich Kosten für das Depot selbst und für die Aktien und Fonds im Depot an. Der Gesetzentwurf sieht dafür einen Kostendeckel von 1,5 Prozent pro Jahr vor. Klingt zunächst nach Begrenzung, ist aber in Wahrheit ziemlich hoch .
Zum Vergleich: In den USA hat Vanguard – einer der größten Anbieter von Indexfonds weltweit – die durchschnittlichen Kosten seiner ETFs auf rund 0,06 Prozent gesenkt . In Schweden liegen die Kosten des staatlichen Pensionsfonds , in den viele Schweden einzahlen, ebenfalls unter 0,1 Prozent. Auch wenn man einräumt, dass die Kosten eines solchen Depots nicht nur aus den Fondskosten besteht, muss es also deutlich preiswerter als mit den 1,5 Prozent im Jahr gehen.
1,5 Prozent wären das 15- bis 20-fache dessen, was preiswerte Fonds verlangen. Selbst der Präsident des Gesamtverbands der Versicherer (GDV), Norbert Rollinger, sieht deshalb eher die Depot-Preise der Neobroker unterhalb von 0,5 Prozent als Zielgröße.
Zu hohe Kosten sind vor allem deshalb fatal, weil 1,5 Prozent im Jahr ein echter Renditekiller sind. Langfristig noch mehr als kurzfristig. Denn sie werden jedes Jahr vom Vermögen abgezogen. Und sie wirken immer auf das gesamte angesparte Kapital.
Ein Beispiel:
Eine Sparerin mit Kind hat ins künftige Altersvorsorge-Depot inklusive der Förderung jedes Jahr 4000 Euro eingezahlt. Die erzielte Rendite war mit 4,4 Prozent im Jahr nicht üppig, trotzdem liegen nach zehn Jahren 50.000 Euro im Depot.
Bei 1,5 Prozent Depotkosten werden dafür jetzt jährlich 750 Euro fällig, die die Rendite mindern würden.
Das ist fast so viel, wie der Staat pro Jahr an Förderung zuschießt.
Das geht doch nicht. Die staatliche Förderung soll Bürgerinnen und Bürgern helfen – nicht den Geschäftsmodellen. Riester 2.0 kann niemand wollen.
Auf die lange Frist sind die Unterschiede sogar noch größer. Wenn über 30 Jahre jedes Jahr 5000 Euro ins Altersvorsorge-Depot fließen und der Kapitalmarkt sechs Prozent Rendite abwirft, kommen bei 0,1 Prozent Kosten 411.000 Euro raus, bei 1,5 Prozent Kosten 319.000 Euro – 90.000 Euro weniger.
Verbraucherproblem Nr. 2: Komplexität wie aus dem Steuerlehrbuch
Das neue Depot soll einfacher sein als Riester. Und bei der Einzahlung ist es das auch. Niemand muss mehr rechnen, um die Förderung nicht zu verpassen. Zehn Euro im Monat sind das Minimum. Ab da wächst die Förderung mit der Einzahlung. Aber eben nicht gleichmäßig.
Für die ersten 1200 Euro soll es 30 Prozent Förderung geben (perspektivisch ab 2029 35 Prozent)
Für die nächsten 600 Euro gibt es nur noch 20 Prozent Förderung.
Für Kinder, für die man auch Kindergeld erhält, gibt es 25 Prozent Förderung auf jeden eingezahlten Euro, aber nur für die ersten 1200 Euro.
Diese Einzahlungen gibt man beim Finanzamt gesondert an. Und das Amt prüft mit einer Günstigerprüfung, ob die Förderung optimal ist oder ob man noch zusätzliche Steuervorteile bekommen kann.Wenn man noch mehr einzahlt, wirken immer noch andere Steuervorteile. Die Sparerin oder der Sparer muss nämlich in der Ansparphase keine Abgeltungsteuer bezahlen, auch nicht als Vorabpauschale, und auch nicht, wenn sie oder er innerhalb des Depots Fonds verkauft und neue kauft. Man kann sogar noch ein zweites Depot aufmachen, für das es dann aber nur noch die Steuervorteile bei der Abgeltungsteuer gibt. Insgesamt könnte man gefördert und ungefördert maximal 13.680 Euro im Jahr einzahlen.
Vier verschiedene Fördervarianten also.
Und bei der Auszahlung?
Das geförderte Kapital und seine Rendite müssen im Alter mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert werden. Wer ein hohes Alterseinkommen hat, zahlt dann viel. Wer wenig hat, zahlt wenig oder keine Steuer.
Die Auszahlung erfolgt entweder mit einem Auszahlplan bis 85 oder als lebenslange Rente. 30 Prozent können vorweg ausgezahlt werden im Alter. Vorsicht! Dann droht bei schönen großen Auszahlungen im entsprechenden Jahr der Spitzensteuersatz von 42 Prozent und eine besonders hohe Besteuerung.
Die ungeförderten Einzahlungen können bei der Auszahlung nach dem sogenannten Halbeinkünfteverfahren versteuert werden, wenn man sich alles auf einen Schlag auszahlen lässt. Nur die Hälfte der Gewinne wird dann versteuert.
Wer sich dieses Geld als Rente auszahlen lässt, muss den sogenannten Ertragsanteil versteuern. Der hängt vom Alter ab, mit dem man in Rente geht. Wer mit 67 in Rente geht, zahlt Steuern für 17 Prozent dieser Rente .
Sie sehen: drei unterschiedliche Steuerlogiken. Vier Fördervarianten. Das ist noch kein »einfaches Bürgerdepot«. Das ist ein Seminar in Steuerrecht.
Dabei wäre es deutlich einfacher gegangen: Macht die Einzahlung steuerfrei und lasst die Klingbeil-Rentnerinnen und -Rentner hinterher die Auszahlung versteuern. Und für die Geringverdiener zahlt Ihr noch direkte Zuschüsse – klar, transparent, nachvollziehbar.
Verbraucherproblem Nr. 3: Ersatz für Riester – aber nicht für alle
Das neue Depot soll Riester ablösen. In vielen Punkten ist es auch besser:
Höhere Einzahlungsgrenzen
Wertpapiere ohne Garantiezwang
Mehr Renditechancen
Bessere Kostenverteilung des Vertrags über die ganze Laufzeit
Tendenziell niedrigere Kosten
Und praktisch jede und jeder mit einem alten Riester-Vertrag kann den alten Vertrag ins neue System mitnehmen, wenn man den mag und versteht. Das ist Vertrauensschutz pur.
Aber: Für Menschen mit sehr niedrigen Einkommen mit mehreren Kindern war die Riester-Förderung oft besonders attraktiv. Deshalb mein Rat:
Wer einen Riester-Vertrag hat, ein geringes Einkommen bezieht und Kinderzulagen bekommt, sollte weder vorschnell ins neue System wechseln noch den Vertrag gar kündigen. Die Förderung kann sich weiterhin lohnen – zumindest bis die Kinder aus der Förderung fallen. Danach kann ein Wechsel ins neue Depot sinnvoll sein.
Wieso bleibt der politische Wurf hinter seinen Möglichkeiten zurück?
Für die Bürgerinnen und Bürger geht es nicht nur um Gebühren oder Paragrafen. Es geht um Vertrauen. Wenn der Staat Menschen zu mehr privater Vorsorge motivieren will, muss das Modell kostengünstig, radikal einfach und transparent nachvollziehbar sein.
Ein Kostendeckel von 1,5 Prozent sendet das falsche Kostensignal, eine Förderarchitektur mit vier Töpfen sorgt für Unverständnis und komplexe Steuerregeln schrecken ab.
Dabei ist die Grundidee stark.
Sehr viele Bürgerinnen und Bürger können recht einfach ins neue Klingbeil-Depot-System eintreten und müssen nicht jedes Jahr nachrechnen, was sie einzahlen sollten. Das mögliche Volumen mit maximal 13.680 Euro im Jahr ist hoch genug, damit man seine komplette Zusatzvorsorge über dieses Depot abwickeln könnte. Man kann vernünftig mit Wertpapieren wie ETF sparen: »Kulturwandel«, sagt Klingbeil. Das Ganze wäre ein echter Fortschritt.
Die Frage ist nun:
Steht das Klingbeil-Depot am Ende für den soliden, entspannten Ruhestand?
Oder für zu hohe Kosten und zu hohe Komplexität?
Darüber entscheidet jetzt das Parlament.
Liebe Parlamentarier und Parlamentarierinnen, ein wesentliches Problem ist natürlich auch Ihr Haushalt. Lars Klingbeil machte am Mittwoch im Gespräch mit mir noch einmal darauf aufmerksam, dass im Haushalt 2028 Stand heute noch 60 Milliarden Euro fehlen. Er sei auch der Finanzminister. Ganz explizit: »Das Geld für eine einheitliche, großzügigere Förderung fehlt.«
Aber er sagte mir auch, was Kostendeckel und Förderung angeht: Jetzt sind die Abgeordneten am Zug. »Mehrere Parlamentarier aus unterschiedlichen Fraktionen haben mir bereits gesagt: Den Punkt schauen wir uns noch einmal genau an.«
Liebe Leserin, lieber Leser, was Sie jetzt tun können:
Ein wenig Hilfe kann ich Ihnen schon anbieten.
Warten Sie nicht nur ab, prüfen Sie schon mal: Haben Sie bereits ein ETF-Depot? Wenn Sie nicht wissen, was Ihr ETF eigentlich kostet , haben meine Kolleginnen und Kollegen bei »Finanztip« Hilfe für Sie parat: Dann vergleichen Sie Ihre Kosten mit dem geplanten Modell.
Warten Sie mit Ihrem bestehenden Riester-Vertrag erst mal ab. Besonders bei Kindern und niedrigem Einkommen kann die alte Förderung noch attraktiv sein.
Auch und gerade wenn Sie mit Ihrem Riester-Vertrag kurz vor der Auszahlung stehen, warten Sie bitte ab und schieben Sie die Auszahlung möglichst nach 2027. Vielleicht erhalten Sie mit dem neuen System neue Auszahlmöglichkeiten, die für Ihre Bedürfnisse deutlich besser passen.
Schauen Sie immer auf die Kosten, gefördert und ungefördert. Kosten von mehr als 0,3 bis 0,5 Prozent pro Jahr bei einem ETF-Produkt sollten kritisch hinterfragt werden.
Und Sie sind Wahlbürgerin und Wahlbürger. Fünf Landtagswahlen in diesem Jahr bieten jede Menge Gelegenheiten zur politischen Rückmeldung: Sprechen Sie mit Ihren Abgeordneten, schreiben Sie Ihrem Bundestagsabgeordneten. Fragen Sie konkret nach dem Kostendeckel und nach Vereinfachung.
Vier Punkte können Abgeordnete für Sie politisch herausholen:
für einen Kostendeckel von nur 0,5 Prozent sorgen,
für eine Vereinfachung der Förderstruktur sorgen,
für eine einfache Steuerlogik sorgen und
eine höhere direkte Förderung für Geringverdiener.
Wenn der Staat Sie in die Kapitalmärkte einlädt, dann bitte mit einem Produkt, das so günstig ist, wie international schon üblich – und so einfach, dass man es seinem Kind erklären kann.