Königskobras gehören zu den längsten Giftschlagen der Welt, ihr Biss kann Menschen innerhalb einer Viertelstunde töten. Auf solch eine Schlange will man nicht gern auf beengtem Raum treffen – und doch fanden Reisende in Indien immer wieder welche in Zügen.
2023 etwa fing ein Schlangenfänger aus dem Bundesstaat Gujarat eine Brillenschlange (Naja naja) und dokumentierte, wie sie in einem Zugfenster saß. 2017 erlebte der indische Biologe Dikansh Parmar selbst als Freiwilliger einer Tierschutzorganisation die Situation, in der Zugreisende wegen einer Schlange Hilfe riefen. Parmar und Kollegen stellen nun in einer Studie im Fachmagazin »Biotropica« die These auf, dass Schlangen öfter per Bahn reisen – und sich dadurch in Gebiete ausbreiten, die nicht für sie geeignet sind.
»Mit der zunehmenden weltweiten Verfügbarkeit von günstigen Smartphones und von sozialen Medien in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Meldungen über Schlangen in und um Züge in Indien zugenommen«, schreiben die Autoren. Allein in einem Zeitraum von 30 Tagen im Jahr 2024 habe es drei registrierte Vorfälle gegeben, weitere kursierten in sozialen Netzwerken.
Zugreisende Schlangen als »neuer Aspekt der Mensch-Wildtier-Interaktion«
Mithilfe von Ausbreitungsmodellen und Klima- oder Vegetationsdaten untersuchte das Team, welche Gebiete potenziell geeignete Lebensräume für die lokale Königskobra-Art im Bundesstaat Goa wären. Diese Gebiete verglichen sie mit den tatsächlichen Fundort der Art Ophiophagus kaalinga: Von ihr gab es im Zeitraum 2002 bis 2024 Meldungen aus 47 Orten in Goa, fünf davon in der Nähe von stark befahrenen Bahnstrecken.
Laut den Modellen müsste die Königskobra-Art am ehesten im Landesinneren von Goa, vorwiegend in Waldgebieten und in der Nähe von Flüssen und Bächen anzutreffen sein. Die Fundorte in der Nähe der Bahnanlagen seien den Angaben zufolge deutlich weniger geeignet für die Art, weil sie typischerweise trockener seien, weniger Beutetiere und weniger Vegetation als Deckung böten.
Die Vermutung der Forschenden: Die Schlangen wandern versehentlich in weniger geeignete Lebensräume ab – mit der Bahn. Eisenbahnstrecken könnten demnach nicht nur Korridore sein, in denen sich die Schlangen selbst fortbewegten, sondern auch »Hochgeschwindigkeitsverbindungen«, indem sie an Bord der Züge reisen. »Das Potenzial von Eisenbahnstrecken, Populationen in ansonsten ungeeigneten Lebensräumen unbeabsichtigt zu verbinden, stellt einen neuen und bisher unterschätzten Aspekt der Mensch-Wildtier-Interaktion dar«, schreiben die Autoren.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass diese These auf anekdotischen Belegen und Zusammenhängen beruht. Es seien zwar Schlangen in Zügen beobachtet worden, aber nicht direkt, wie diese auf diesem Weg in für sie ungeeignete Lebensräume gelangten. Wenn dem so wäre, habe das allerdings Auswirkungen auf das Überleben der Tiere, die ohnehin zu den gefährdeten Arten gehören.
Für die Fahrgäste, heißt es, sind die zugreisenden Schlangen natürlich ebenfalls eine Bedrohung.
Zug im indischen Bundesstaat Goa: Königskobras könnten von hier auf den Schienen in andere Gebiete abwandern
Foto: subho000 / images.de / Pond5 Images / IMAGO