Was wollten Neandertaler in Sachsen-Anhalt mit Schildkröten?

Sachsen-Anhalt zählt zu den bedeutendsten Regionen der internationalen Neandertalerforschung. Neue Erkenntnisse eines internationalen Forschungsteams  um die Mainzer Professorin Sabine Gaudzinski-Windheuser von der Johannes Gutenberg-Universität legen nun nahe, dass die Neandertaler Schildkrötenpanzer als Werkzeuge genutzt haben, unter anderem als Schöpflöffel.

Untersuchungsgegenstand des Forscherteams: rund 125.000 Jahre alte Stücke von Schildkrötenpanzern, die in der altsteinzeitlichen Fundstätte Neumark-Nord im heutigen Sachsen-Anhalt entdeckt wurden. »Bei dem Gebiet handelt es sich um eine ganz, ganz außergewöhnliche Fundstelle«, sagt Gaudzinski-Windheuser der Nachrichtenagentur dpa. Denn »durch die dortigen Umweltarchive lassen sich Funde zeitlich besonders gut eingrenzen«, sagte die Forscherin weiter.

Das Team untersuchte die 92 Stücke der Schildkrötenpanzer unter anderem mithilfe von hochauflösenden 3D-Scans. Bei vielen der Panzer zeigten sich Schnittspuren an der Innenseite. Das deutet den Angaben nach darauf hin, dass die Reptilien von den Neandertalern sorgfältig ausgeschlachtet wurden: Sie trennten Gliedmaßen ab, entfernten innere Organe und säuberten die Panzer.

Daraus ergibt sich demnach zunächst eine Erkenntnis: »Unsere Daten liefern den ersten Nachweis dafür, dass Neandertaler auch nördlich der Alpen, jenseits des Mittelmeerraums, gezielt Schildkröten jagten und verwerteten«, sagt Gaudzinski-Windheuser. Zuvor war nur bekannt, dass Neandertaler in südlichen Gefilden Schildkröten jagten.

Damit aber nicht genug: »Wir sind mit der These gestartet, dass Neandertaler Schildkröten nur als Notnahrungsquelle verwendet haben – und zwar dann, wenn die Großwildjagd nicht mehr als ausreichende Nahrungsquelle dienen konnte«, sagte Gaudzinski-Windheuser. Die Funde sprechen jedoch gegen diese These.

Denn: »Gerade das Gebiet rund um Neumark-Nord zeichnet sich durch viel Protein in der Landschaft aus. Für die Neandertaler gab es dort ungeheuer viel Fleisch, das gejagt werden konnte, beispielsweise von Waldelefanten«, sagte Gaudzinski-Windheuser. Der Europäische Waldelefant war das größte damals lebende Landsäugetier.

Warum sollten Neandertaler dann noch Schildkröten jagen? Die logische Schlussfolgerung des Forscherteams: Das Jagen der Schildkröten mit ihrem geringen Nährwert ergab damals nur Sinn, wenn die Panzer später als Werkzeuge, beispielsweise Schöpflöffel, genutzt wurden.

Neben der Vermutung, dass die Panzer als Werkzeuge verwendet worden seien, sei es auch möglich, dass die Tiere wegen ihres Geschmacks oder eines vermeintlich medizinischen Nutzens gejagt worden seien. Insgesamt lässt sich wohl festhalten: »Unsere aktuellen Ergebnisse werfen ein neues Licht auf die ökologische Flexibilität und die komplexen Überlebensstrategien des Neandertalers«, sagte Gaudzinski-Windheuser.

Zehntausende Jahre kämpften die Neandertaler gegen ihr Aussterben, am Ende vergeblich. Nun zeigt eine Studie, was sie wirklich zu Fall brachte. Hier lesen Sie mehr.

Wasserschildkröten sonnen sich

Foto: Catherina Hess / SZ Photo / picture alliance

Eine Schildkröte sitzt auf einem Ast

Foto: Thomas Frey / dpa / picture alliance

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