Gelsenkirchen und die Kammer des Schreckens

1. Die Geschichte von der Drohnenattacke

Der Kreml spricht heute von »einem terroristischen Akt« und intensiviert die Rhetorik nach dem angeblichen ukrainischen Drohnenangriff auf eine der vielen Residenzen von Wladimir Putin. Aber hat es diese Attacke überhaupt gegeben? Oder handelt es sich um »verdammten Schwachsinn der Russischen Föderation«, wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagt? Um einen Vorwand also, um den Krieg weiterzuführen?

Die Erzählung des Kreml geht in etwa so: Russland tue doch alles für den Frieden, aber die Ukraine torpediere mit dieser ruchlosen Attacke auf den ach so kompromissbereiten Putin die Bemühungen; leider, leider müsse man jetzt Härte zeigen.

Allerdings gibt es mindestens drei große Ungereimtheiten in der russischen Version, wie meine Kollegin Ann-Dorit Boy analysiert:

  1. Die fehlende Dokumentation: »Beweise, etwa in Form von Fotos der abgeschossenen Fluggeräte, hat Russland bisher nicht vorgelegt. Bei früheren Angriffen auf Ziele in russischen Regionen sind solche Bilder immer wieder öffentlich geworden«, so Ann-Dorit. Heute nannte es der Kreml »verrückt«, solche Beweise zu fordern. Es brauche keine Belege für »solch einen massiven Drohnenangriff«.

  2. Die merkwürdige Quellenlage: »Die zentralen Informationsquellen für Drohnenangriffe auf russische Regionen sind die Telegram-Kanäle der zuständigen Gouverneure und das russische Verteidigungsministerium.« Über den angeblichen Angriff aber sprach als erster Russlands Außenminister Sergej Lawrow.

  3. Die minimalen Erfolgsaussichten: »Die Residenz Waldai ist ein ausgesprochen undankbares Angriffsziel, weil sie bekanntermaßen aufwendig geschützt wird.«

Der Terrorvorwurf reiht sich ein in all die perfiden Anschuldigungen Russlands, die so gut wie immer in eine Täter-Opfer-Umkehr münden. Dieses Mal ist es besonders bemerkenswert, schließlich hat Russland selbst wohl schon mehrfach probiert, Selenskyj gefangen nehmen oder töten zu lassen (zugegeben, auch hier ist die Beleglage dürftig). Russland bleibt der Aggressor in diesem Krieg.

  • Mehr Hintergründe hier: Die drei großen Ungereimtheiten in Russlands Vorwürfen 

2. Der Schaltersturm von Gelsenkirchen

Einen Bankansturm kennen die meisten heute glücklicherweise wohl nur aus »Mary Poppins«: Der kleine Michael Banks will seine zwei Pennys nicht dem greisen Bankdirektor geben, will nicht investieren, nicht Teilhaber werden von »Eisenbahnen in Afrika, Staudämmen im Nil, Schnelldampfergeschwadern und Plantagen mit goldgelbem Tee«. Er will lieber Vogelfutter kaufen. Aber der Direktor krallt sich an den Münzen fest, Michael schreit: »Gib mir sofort mein Geld wieder!« Die anderen Kunden geraten in Panik, wollen alles abheben, es gibt einen Tumult, die Bank muss schließen.

Ähnliche Szenen spielten sich heute vor einer Sparkasse in Gelsenkirchen ab (hier im Video). Rund 300 Menschen drängten sich vor der Filiale im Ortsteil Buer, wie mein Kollege Lukas Eberle berichtet: »Sie wollen hinein. Und sie wollen Antworten.« Es kommt zu Rangeleien mit dem Sicherheitsdienst. Ein Mann im Kapuzenpullover brüllt: »Ist es denn so schwer zu sagen, wer von uns betroffen ist?«

Am Montagmorgen war der spektakuläre Einbruch in die Bank bekannt geworden. Die Täter sollen über ein Parkhaus in das Gebäude eingedrungen sein und ein Loch in die Wand gebohrt haben, um den Tresorraum zu erreichen. Dort brachen sie laut Polizei viele Schließfächer auf (hier mehr zu den Ermittlungen). Jetzt wollen die Kunden verständlicherweise wissen, ob der Goldschmuck für die Hochzeit der Kinder, das Ersparte der Mutter, das Erbstück noch da ist. Die Sparkasse sollte auskunftsfreudiger und verständnisvoller sein als der Direktor aus »Mary Poppins«, der dem kleinen Michael nur entgegenschleudert: »Vögel füttern? Was kommt dabei heraus? Fette Vögel.«

  • Die ganze Geschichte hier: »Wir wollen rein!« 

3. Hi, my name is, what? My name is, who?

An der Spitze der Rangliste der beliebtesten Vornamen hat es zum ersten Mal seit drei Jahren einen Wechsel gegeben: Bei den Mädchen steht nicht mehr Emilia auf Platz eins, sondern Sophia. Bei den Jungen bleibt es Noah (hier mehr).

A, bei den Mädchen dominiert ein Schlusslaut:
1. Sophia
2. Emma
3. Emilia
4. Hannah
5. Lina
6. Mia
7. Clara
8. Ella
9. Mila
10. Lia

O, bei den Jungen ist das Bild weniger eindeutig:
1. Noah
2. Matteo
3. Elias
4. Theo
5. Leo
6. Luca
7. Paul
8. Leon
9. Emil
10. Felix

Die größten regionalen Auffälligkeiten gibt es in Mecklenburg-Vorpommern. Dort sieht das Ranking ganz anders aus als die bundesweite Liste. Hier gewinnen bei den Mädchenvornamen Frieda, Mathilda, Emma und Ida. Bei den Jungs liegen Emil, Matteo, Oskar und Milan vorn.

Erstellt hat die Liste, wie jedes Jahr, Knud Bielefeld, hauptberuflich IT-Mitarbeiter der Hamburger Sparkasse, nebenberuflich Namensexperte (es gibt noch eine zweite Rangliste von der Gesellschaft für deutsche Sprache, die erscheint aber später). Im vergangenen Jahr besuchte meine Kollegin Kristin Haug den Mann, zuvor hatte es Kuriositäten gegeben: »Eltern im Landkreis Lüneburg nannten ihr Kind Excel«, berichtet Kristin. »In Hamburg erhielt ein Mädchen den Namen Fanta. Standesämter erlaubten Namen wie Pepsi-Carola, Bethlehem und Kiwi. Abgelehnt wurden Shaggy und Urmel.« Bielefeld rät Eltern, einen Namen zu wählen, den die Menschen in anderen Ländern gut aussprechen können. Er sei dafür das beste Beispiel. In Dänemark oder Schweden sei es zwar super, wenn man Knud heiße, sagt er. Aber in den USA sei es den Menschen schwergefallen, seinen Namen auszusprechen. »Die sagten ›nude‹ zu mir, ›nackt‹.«

  • Hier mehr zum Namensexperten: »Manche Leute verachten Eltern, die ihre Tochter Emilia genannt haben« 

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Pistorius nennt Vorfälle bei Fallschirmjägern »erschütternd«: Sexualisiertes Fehlverhalten, Rechtsextremismus, Drogenkonsum: Gegen Dutzende Soldaten des Fallschirmjägerregiments 26 wird ermittelt. Verteidigungsminister Pistorius zeigt sich unzufrieden mit der Führung in Zweibrücken.

  • Das waren die größten Preissprünge bei Lebensmitteln 2025: Butter ist so billig wie schon lange nicht mehr, für andere Produkte zahlen Kunden zum Jahresende hingegen deutlich höhere Preise. Der Überblick über die größten Ausreißer und die Ursachen.

  • Iran antwortet auf die Drohungen des US-Präsidenten mit einer scharfen Replik: Das Land benötige weder für Raketen noch für die Verteidigung die Erlaubnis anderer Staaten. Aggressoren würden ihre Taten bereuen.

  • Gehaltsverhandlungen sollen im neuen Jahr einfacher werden. Doch die Arbeitgeber wehren sich .

Meine Lieblingsmails heute: Das sind Ihre MTV-Momente

Da MTV zum Jahreswechsel seine Musikformate einstellt (hier mehr dazu ), habe ich Sie gestern nach Ihrem persönlichen MTV-Moment gefragt. Vielen Dank für all die Mails – hier eine Auswahl der schönsten, lustigsten, unterhaltsamsten:

  • »Das Aufnehmen von Depeche-Mode-Videos. Und in der Jetztzeit: fast immer richtig liegen bei ›Guess the year‹.« Sandra Fischer

  • »Als wir meine Großmutter in Ingolstadt besuchten, stellte ich mit großer Freude fest, dass dort Kabelfernsehen lag. Mit mir war ab dann bei diesen Besuchen nicht viel anzufangen, ich klebte vor MTV.« Peter Gölz

  • »Meine Eltern fuhren zum ersten Mal nur mit meinem kleinen Bruder in den Urlaub. Ich durfte als Pubertier zu Hause bleiben. Als sie losfuhren, zählte ich bis 100 und schaltete die Glotze ein. Auf MTV lief ›Rhythm is a Dancer‹ von SNAP. Noch Fragen?« Christian Ort

  • »Ein Passagierboot auf dem Tonle Sap in Kambodscha. Es läuft MTV Asia, Britney Spears, ›Born To Make You Happy‹. Erst tanzen nur ein paar Kinder, dann mehr als die Hälfte der Passagiere, bis der Kapitän über Lautsprecher droht, das Boot könne kentern.« Frank Raber

  • »Das obligatorische ›Eeeeeeev'ning‹ von Ray Cokes zu Beginn seiner Sendungen, welches bis heute Begrüßungsfloskel im Freundeskreis ist.« André Burchard

  • »Als ich nach Hause kam, lief auf MTV in Dauerschleife die Pressekonferenz, auf welcher Take That ihre Trennung bekannt gaben. Meine Mutter hatte es schon gesehen und Fotos vom Fernseher gemacht, weil sie es nicht geschafft hatte, es mit dem Videorekorder aufzunehmen.« Sabine Schirmer-Kamawal

  • »Eine Sendung von Ray Cokes, bei der ich zusammen mit einer Freundin telefonisch zugeschaltet wurde, um ›Waking up the Neighbours‹ zu spielen: Wir sollten am Telefon einen Höllenlärm machen, und durften uns danach ein Video wünschen (es war eins von Suede).« Doreen Wunder

  • »Als ich 1994 in London mein Praktikum bei MTV begonnen habe. Gleich in der ersten Woche ist mir ein Missgeschick passiert: Ich bin mit einer vollen Kiste Tapes gestolpert, dabei sind lautstark und effektvoll alle Videokassetten die offene Treppe im Büro runtergepoltert. Da es ein open space office war, haben 250 KollegInnen das mitbekommen und ich hatte meinen Spitznamen weg: ›The boy who dropped the tapes!‹.« Lars Wagner

Mehr zum Ende der Musikformate bei MTV hier: Hier schließt sich ein Fenster nach Amerika 

Was heute weniger wichtig ist

Mut zur Krücke: Die Weihnachtstage waren für CSU-Chef Markus Söder, 58, offenbar wenig erholsam – er unterzog sich einem chirurgischen Eingriff, wie er auf Instagram kundtat. Er postete ein Bild des bayerischen Wappens, darunter lehnen zwei Gehhilfen an der Wand, und schrieb dazu: »Lange habe ich es vor mir hergeschoben: Jetzt habe ich mich endlich an der Hüfte operieren lassen. Alles gut verlaufen.«

Mini-Hohl

Aus dem »Hamburger Abendblatt«: »Dass Donald Trump sich immer noch die Blöße gibt, einen simplen Identifikationstest (Auto, Spielzeug, Hund, etc.) zum Intelligenztest hochzujazzen und sich als Wiedergänger Alfred Einsteins zu verkaufen, ist peinlich, aber kein Zufall.«

Hier finden Sie den ganzen Hohl.

Cartoon des Tages

Und zum Jahreswechsel?

Drei Vorschläge:

Sie könnten …

  • … den Podcast »Ill-advised« von Bill Nighy hören. Mein Kollege Xaver von Cranach empfiehlt ihn ausdrücklich. Er findet: »Dieser Mann hat alles falsch gemacht.« Zum Glück! Sie suchen Trost? Bill Nighy ist der beste schlechte Ratgeber aller Zeiten. Und so trifft eine Aussage zu, die eigentlich nie zutrifft: Gott sei Dank hat dieser Mann einen Podcast gemacht.« (Hier mehr dazu  und weitere Geheimtipps .)

  • … günstig kochen. Fünf Rezepte meines Kollegen Sebastian Maas haben 2025 besonders viele Leserinnen und Leser interessiert: japanischer Suchtkohl, koreanischer Blitz-Gurkensalat, Cowboy Caviar, Rosenkohls zweite Chance und Tsatsiki. (Hier die kulinarischen Highlights aus der Kolumne »Kochen ohne Kohle«). Oder Sie kochen sehr feierlich, nämlich Rindergulasch mit Rotwein und Kakao, Sellerie–Vanille Püree sowie Petersilien-Limetten-Öl (hier das Rezept ).

  • … an Neujahr ins Kino gehen. Dann läuft eine neue Verfilmung des Camus-Literaturklassikers »Der Fremde« an. Der französische Regisseur François Ozon habe sich »eine Monsteraufgabe« vorgenommen, schreibt mein Kollege Wolfgang Höbel: »die Verfilmung eines wirklich tollen Romans des 20. Jahrhunderts, den sehr viele Menschen zu kennen glauben; eines Lieblingsbuchs aller echten und angelernten Anhänger des französischen Existenzialismus.« Dabei habe Ozon den Ehrgeiz, das merke man dem Film an, dass sein Publikum das Buch in Zukunft anders liest. (Hier die Rezension .)

Ich wünsche Ihnen einen gemächlichen Jahresausklang und einen guten Rutsch. Schön, dass Sie den SPIEGEL und die Lage lesen. Bleiben Sie uns gewogen. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Putin bei seiner jährlichen Pressekonferenz: Hat Trump informiert, »dass er angegriffen wurde«

Foto: Sergei Ilnitsky / EPA

Vater Banks mit kapitalismuskritischen Kindern: »Wenn du immer sparsam bist, folgsam bist... «

Foto: Mary Evans Picture Library / Ronald Grant / IMAGO

Unterirdisch: Der Bankeinbruch von Gelsenkirchen und die Wut der Kunden

Foto: Christoph Reichwein / dpa

Unteres Ende eines Kindes: Am oberen Ende der Namensrangliste stehen Sophia und Noah

Foto: Fabian Strauch/ dpa

MTV-Handout mit Mondlandungsmotiv: Die große Freiheit des Westens in kurzen Videoclips

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MTV / dpa / picture alliance

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

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