1. Kein Ende im Missbrauchsfall von Erfurt
Die Staatsanwaltschaft Erfurt hat gegen das Urteil im Missbrauchsfall um den früheren Lehrer Nikolaus D. Revision eingelegt. Am 6. Februar wurde D. wegen des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in 69 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Die Taten hat er im Verfahren gestanden. Vom Vorwurf der Vergewaltigung in zwei Fällen wurde er jedoch freigesprochen, da diese nicht zweifelsfrei belegt worden seien.
Neben der Staatsanwaltschaft focht auch eine Nebenklägerin, eine ehemalige Schülerin, das Urteil an. Sie will mit der Revision überprüfen lassen, ob es rechtens war, ihren früheren Lehrer in Bezug auf eine mutmaßliche Vergewaltigung freizusprechen. Die Staatsanwaltschaft hatte sieben Jahre, die Verteidigung zwei Jahre Haft gefordert. D. gestand die Missbrauchsfälle weitgehend, bestritt aber die Vergewaltigungen.
Meine Kollegin Carlotta Böttcher hat den Fall über Monate begleitet. Drei der Opfer im Missbrauchsfall von Erfurt haben so viel Vertrauen zu ihr aufgebaut, dass sie Carlotta ihre Geschichte erzählt haben . Nun prüfen Ermittler Carlotta zufolge neue Hinweise in dem Fall, die über Gremien des Königin-Luise-Gymnasiums an die Staatsanwaltschaft gelangt seien. Eine Sprecherin mahnte, Verdachtsmomente künftig direkt der Polizei oder Staatsanwaltschaft zu melden. Bereits im Oktober war ein anderer Lehrer derselben Schule wegen langjährigen Missbrauchs zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden; dieses Urteil ist rechtskräftig.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Im Erfurter Missbrauchsskandal soll es bald neue Ermittlungen geben
2. Die Gaslobby nimmt Anlauf
Erinnern Sie sich noch an das Gezeter über »Habecks Heizhammer«? Klingt krawalliger als das Gebäudeenergiegesetz oder kurz GEG. Jetzt will die Bundesregierung es ablösen und Eckpunkte für ein neues Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) vorlegen. Merz' Heizschraube sozusagen. Am Abend gab es eine erste Einigung zwischen Union und SPD (lesen Sie hier mehr ).
Eine Allianz aus Öl- und Gasverbänden forderte zuvor einen radikalen Kurswechsel, über den meine Kollegen Henning Jauernig und Benedikt Müller-Arnold berichten: Statt Einbaupflichten für klimafreundliche Heizungen sollen Energieanbieter per Grüngas‑ und Wasserstoffquote verpflichtet werden, immer mehr erneuerbare Brennstoffe in den Markt zu bringen.
Damit könnten Verbraucher weiter neue Gasheizungen einbauen; faktisch liefe das auf eine Abschaffung der bisherigen Heizungstauschpflicht hinaus. Die Lobby lässt nichts unversucht. Und hat offenbar Erfolg: Um den Klimaschutzbeitrag des Gebäudesektors zu erreichen, wollen die Koalitionäre künftig offenbar auf eine sogenannte Grüngasquote setzen, berichten meine Kollegen Paul-Anton Krüger und Andreas Niesmann.
Kritiker verweisen auf knappe Mengen und hohe Kosten. Höhere Grüngasquoten würden laut Branchenanalysen erhebliche Importe nötig machen und die Gaspreise deutlich steigen lassen; schon heute liegen Biogastarife mit hohem Biomethananteil über den Grundversorgungspreisen. Energieberater verweisen darauf, dass sich unter diesen Bedingungen Wärmepumpen meist schneller rechnen und die Grüngasstrategie Haushalte langfristig stärker belastet.
Vor drei Jahren ging unsere Gasheizung kaputt. Unser Heizungsbauer bekniete uns damals, wieder eine Gasheizung anzuschaffen. Eine Wärmepumpe wäre in unserem denkmalgeschützten Altbau dermaßen ineffizient, dass uns die Kosten killen würden, so seine Worte. Wir hörten auf ihn. Seither kannten die Kosten nur eine Richtung: nach oben.
Lesen Sie hier mehr: So wollen Lobbyisten die Gasheizung retten
3. Einstweilige Vergnügung
Das Landgericht Hamburg hat entschieden, dass der Unternehmer Theo Müller als Unterstützer der AfD bezeichnet werden darf, berichtet meine Kollegin Ann-Katrin Müller. Diese Aussage verletze nicht sein Persönlichkeitsrecht, da es »tatsächliche Anknüpfungspunkte« gebe und sie von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Theo Müller hatte die Bürgerbewegung Campact verklagt, die eine Kampagne gegen ihn gestartet hatte – mit Plakaten und Projektionen wie »Alles AfD, oder was?«, in Anlehnung an den Müllermilch-Slogan. Anlass waren Müllers öffentliche Sympathien für AfD-Chefin Alice Weidel, die etwa bei seiner Geburtstagsfeier anwesend war. Eine einstweilige Vergnügung gewissermaßen.
Der Antrag seiner Anwälte auf einstweilige Verfügung blieb erfolglos, da das Gericht keine klare Distanzierung Müllers von der AfD sah. Müllers Anwalt Christian Schertz erklärte, sein Mandant sei CSU-Mitglied, habe niemals an die AfD gespendet und respektiere das Urteil trotz anderer Auffassung.
Die Produkte von Theo Müller sind wegen dessen AfD-Nähe für viele Konsumenten ein No-Go. Aber kann ein einzelner Supermarktbesitzer sich von dem mächtigen Konzern distanzieren? Mein Kollege Sebastian Stoll sprach kürzlich mit einem Edeka-Händler darüber, welchen Weg er gefunden hat (hier lesen Sie mehr ).
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Molkerei-Milliardär Theo Müller verliert Klage
Was heute sonst noch wichtig ist
Pistorius kritisiert Trumps Kumpanei mit Putin: Die US-Vermittlungen für eine Beendigung des Ukrainekriegs tragen bislang keine Früchte. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius moniert nun, US-Präsident Trump habe zu große Nähe zu Putin gezeigt und sich ungeschickt verhalten.
Linke suspendiert Mitgliedschaft ihrer Jugendsprecherin: Sie hat den Gazakrieg mit dem Holocaust gleichgesetzt: Nun ist Linksjugend-Bundessprecherin Martha Wüthrich ihre Parteimitgliedschaft los. Im Verfahren zeigte sich die Nachwuchspolitikerin offenbar nur teilweise einsichtig.
Bischofskonferenz wählt Heiner Wilmer zum Vorsitzenden: Die katholische Kirche in Deutschland hat einen neuen obersten Vertreter: Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer tritt die Nachfolge von Georg Bätzing an.
Lamborghini stoppt Entwicklung von Elektrosportwagen: Der CEO spricht von einem »teuren Hobby«: Eigentlich wollte der Luxusautohersteller Lamborghini bald den E-Sportwagen Lanzador präsentieren. Daraus wird jedoch nichts. Den Kunden fehle die »emotionale Verbindung«.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Heiligs Pechle
Das Netz vergisst nichts: Baden-Württembergs CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel gerät kurz vor der Landtagswahl wegen eines TikTok-Videos in die Kritik. Die Grünenabgeordnete Zoe Mayer veröffentlichte einen acht Jahre alten Interview-Mitschnitt, in dem Hagel von einem Realschulbesuch erzählt und dabei das Aussehen einer Schülerin betont und darüber scherzt. Mayer wirft ihm sexistische Wahrnehmung vor. Hagel nennt das Interview »Mist« und wittert eine Wahlkampfvolte. In sozialen Medien wird der heute 37-Jährige scharf kritisiert, teils auch wegen gelöschter Kommentare.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Dieser acht Jahre alte Spruch über eine Schülerin bringt CDU-Spitzenkandidat Hagel in Bedrängnis
Was heute weniger wichtig ist
Bon(ita) Appetit: Die Unternehmerin Bonita Grupp, 36, ist Co-Chefin der Trigema W. Grupp KG. Ihr Vater Wolfgang Grupp prägte die Firma über Jahrzehnte. Mit seiner streitlustigen Art schaffte er es ebenso lange konstant in alle Talkshows des Landes. Jetzt talkt er nur noch mit seiner Familie. Beim regelmäßigen Lunch mit seiner Tochter zum Beispiel. »Dann sprechen wir natürlich auch über die Firma«, so Bonita Grupp. »Es gibt natürlich Generationenunterschiede«
Mini-Hohl
Von der Website eines Restaurants in Marienberg (Sachsen): »Wir haben nicht nur italienische Gerichte, sondern eine Auswahl an internationalen Spezialitäten. Eine vielfältige Auswahl an Bürgern haben wir Ihnen natürlich auch zusammengestellt.«
Hier finden Sie den ganzen Hohl.
Cartoon des Tages
Und heute Abend?
Über den Jazz kursieren immer mal wieder Witze. Zwei meiner liebsten sind diese:
Was unterscheidet einen Rockmusiker von einem Jazzmusiker? Der Rockmusiker spielt drei Akkorde vor 5000 Menschen. Der Jazzmusiker spielt 5000 Akkorde vor drei Menschen.
Und: Wie wird man am schnellsten Millionär? Indem man als Milliardär einen Jazzclub eröffnet.
Und damit kommen wir zum Tipp des Tages. Hören Sie sich doch mal die fantastische Saxofonistin Emma Rawicz aus Großbritannien an. Die 24-jährige Musikerin spielte erst vergangene Woche ausverkaufte Konzerte in der Berliner Philharmonie und in der Philharmonie Essen und strafte alle Witzbolde Lügen. Emma Rawicz' selbstproduziertes Debütalbum »Incantation«, das sie als 19-jährige Studentin aufnahm, »war eine wahre Offenbarung: Lyrisches Saxofonspiel alter Schule trifft auf Post-Bop-Power«, schrieb der »Guardian«.
Millionärin wird sie mit ihrer Musik wahrscheinlich nicht, aber sicher glücklich. So wie ich.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts
Inzwischen verurteilter Lehrer am Landgericht Erfurt (Januar 2026)
Foto: Marie-Helen Frech / dpaMinisterin Reiche: Traum vom grünen Wasserstoff
Foto: Clemens Bilan / EPAAfD-Chefin Alice Weidel (M.) mit Unternehmer Theo Müller und dessen Partnerin bei den Bayreuther Festspielen 2025
Foto: Alexander Schuhmann / picture allianceCDU-Politiker Hagel (Screenshot aus Zoe Mayers Instagram-Video)
Foto: Auf ein Bier mit / YouTubeBonita Grupp im Lager für Stoffballen: »Es gibt natürlich Generationenunterschiede«
Foto:Bernd Weißbrod / dpa / picture alliance
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Klaus Stuttmann
Künstlerin Emma Rawicz
Foto: Pascal Schmidt / Hans Lucas / picture alliance