1. Winterchaos im Norden
Lieben Sie auch das gedämpfte Chaos, das in Deutschland ausbricht, sobald es schneit? Gut, in Bayern mag es anders sein, da ist man geübter und da ist, glaubt man Markus Söder, ohnehin alles besser, aber Hamburg hat vor dem Winter bereits kapituliert. Ich zumindest habe bislang nur privat geräumte Gehwege gesehen: Viele Straßen sind seit Tagen derart vereist, dass sich die Müllabfuhr nicht mehr hineintraut. Trotzdem: Dieses ganze Herumgerutsche im Schneetreiben, diese leise Anarchie: irgendwie schön.
Am Freitag könnte es noch einmal interessanter werden, zumindest wenn Sturmtief »Elli« hält, was Meteorologen versprechen (hier mehr). Der sogenannte Bombenzyklon soll Regionen im Osten Deutschlands arktische Temperaturen bis minus dreißig Grad bescheren und in den gesamten betroffenen norddeutschen Gebieten bis zu 20 Zentimeter Neuschnee bringen. In Städten wie Hamburg öffnen Schulen am Freitag nicht, der Senat ruft dazu auf, Aufenthalte im Freien zu vermeiden, auch Niedersachsens Gesundheitsminister warnt vor den Gefahren durch Sturmtief »Elli« (hier mehr zu Schulausfällen).
Meine Kollegin Ella Knigge hat zusammengetragen, was Menschen in den betroffenen Regionen beachten müssen (lesen Sie hier). Sie hat den Vizepräsidenten des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) nach seiner Einschätzung gefragt. Er rät dazu, das Haus besser nicht zu verlassen. »Solange es kein explizites Verbot in der Kommune gibt, darf sich natürlich jeder frei bewegen«, sagt er.
Ich bin gespannt, wie sich die Dinge am Freitag entwickeln. Bevorraten, wie es der Bevölkerungsschutz empfiehlt, werde ich mich übrigens nicht. Nicht so sehr, weil ich es für übertrieben halte. Sondern weil der Supermarkt nur zwei Gehminuten entfernt ist. Und ein bisschen weiße Anarchie wird ja noch erlaubt sein.
Diese Tipps sollten Sie beachten: Was tun bei einem Schneesturm?
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2. Skandal bei der Bundeswehr
Die Fallschirmjäger sind so etwas wie eine Elitetruppe der Bundeswehr. Eher unterstes Regal ist aber offenbar das Benehmen in Teilen des Regiments in Zweibrücken, das zumindest haben meine Kolleginnen und Kollegen Maria Fiedler, Matthias Gebauer, Christoph Hickmann, Paul-Anton Krüger, Friederike Röhreke und Sara Wess recherchiert (hier mehr dazu ).
Dort sollen demnach sexuelles Fehlverhalten, rechtsextreme Ausfälle und Drogenkonsum an der Tagesordnung gewesen sein. Betroffene Soldatinnen schilderten unter anderem, dass teils ranghöhere Soldaten in Duschräume und Toiletten von Frauen eingedrungen seien, manche von ihnen in betrunkenem Zustand.
»Toxische Männlichkeit, Nazitümelei, Frauenfeindlichkeit – die Vorgänge in Zweibrücken konterkarieren das offene, moderne Image, das sich diese Armee so gern selbst geben will, um junge Menschen für sich zu gewinnen«, schreiben die Kolleginnen und Kollegen. Der Skandal komme zur Unzeit: Die USA seien kein verlässlicher Partner mehr, die Bundeswehr müsse im Ernstfall dieses Land verteidigen. Sie müsse größer werden. Sie brauche Nachwuchs, auch Frauen.
Nur: Welche Frau will zu so einer Truppe?
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Soldaten zeigen den Hitlergruß. Und Frauen wird mit Vergewaltigung gedroht
3. Teures Jo-Jo
Kennen Sie auch Personen in Ihrem persönlichen Umfeld, die in den vergangenen zwei Jahren wundersam erschlankt sind? Ich ja. Manche von meinen Bekannten haben freimütig zugegeben, mit der sogenannten Abnehmspritze nachgeholfen zu haben. Als jemand, der lieber Nachtisch isst, als darauf zu verzichten, habe ich diesen Diät-Turbo mit einer Prise Neid beobachtet.
Wie meine Kolleginnen Julia Köppe und Mascha Zuder nun schreiben, hat der schnelle Erfolg aber Schattenseiten: Eine neue Studie zeigt auf, wie schnell der Effekt der Spritzen verpufft, sobald sie abgesetzt werden. Expertinnen und Experten hatten von Anfang an gewarnt, dass Abnehmen auf Kolbendruck weniger nachhaltig ist, als Essgewohnheiten umzustellen (hier mehr dazu ).
Ein Forschungsteam aus Oxford hat nun Studien mit mehr als 9000 Probanden ausgewertet, die mit und ohne Abnehmspritze abgenommen haben. Die Erkenntnis der Forschenden: »Knapp 21 Monate nachdem sie die Spritzen abgesetzt hatten, lagen die Nutzer wieder bei ihrem Ausgangsgewicht«, schreibt Julia. Etwa die Hälfte der Abnehmspritzen-Nutzer setzt die Spritze zudem innerhalb eines Jahres wieder ab – »wegen der Nebenwirkungen, den hohen Kosten oder weil sie enttäuscht sind von der Wirkung«, wie einer der Forscher Julia verriet.
Der sogenannte Jo-Jo-Effekt begleitet viele Menschen, die gern abnehmen wollen. Und offenbar schützt auch die Abnehmspritze nicht davor.
Lesen Sie hier mehr: Abnehmspritze abgesetzt. So schnell sind die Kilos wieder drauf
Was heute sonst noch wichtig ist
Haseloff will Amt als Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt vorzeitig abgeben: Er ist der dienstälteste amtierende Ministerpräsident der Republik, eine erneute Kandidatur hatte er bereits ausgeschlossen. Nun will Reiner Haseloff schon vor der nächsten Wahl Platz für einen Parteifreund machen. Unter einer Bedingung.
Russland nennt ausländische Truppen in der Ukraine »legitimes Ziel«: Europa kann sich vorstellen, eigene Truppen als Sicherheitsgarantien in die Ukraine zu schicken. Moskau hat nun erneut auf die Pläne reagiert – allerdings in verschärfter Rhetorik.
Deutsche Industrie sendet Hoffnungszeichen: Kommen deutsche Industrieunternehmen aus ihrer Krise? Im November wuchsen die Bestellungen so stark wie zuletzt vor fast einem Jahr. Das liegt auch an der Aufrüstung.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Anonym berichten Gastronomen von »mafiösen Strukturen«: 40 junge Menschen sind beim Brand im Schweizer Skiort Crans-Montana gestorben. In einer Region, die für Korruption und Vetternwirtschaft berüchtigt ist, beginnt jetzt die Suche nach den Verantwortlichen. Die SPIEGEL-Recherche .
Was heute weniger wichtig ist
Rappe, rappe, Häusle baue: Der Musiker Haftbefehl, 40, hat sich offenbar einen Kindheitstraum erfüllt, wie er in seinem neuen Podcast »Nina & Aykut« erzählt. Haftbefehl, der bürgerlich Aykut Anhan heißt, nimmt den Podcast zusammen mit seiner Frau Nina auf. Der Rapper und seine Kokainsucht waren zuletzt die Stars der Netflix-Dokumentation »Babo – Die Haftbefehl-Story«. Nun berauscht er sich offenbar an anderen Dingen: »Ich glaub, mein Traum, mein Wunsch war es, meiner Mutter ein Haus zu kaufen, irgendwann. Und das habe ich auch erreicht, Gott sei Dank.« Er habe seiner Mutter eine Villa gekauft. »Ja, Mann, das ist echt ein Riesenhaus.«
Mini-Hohl
Hier finden Sie den ganzen Hohl.
Cartoon des Tages
Und heute Abend?
Könnten Sie sich noch einmal »The Wrestler« anschauen – den vermutlich besten und berühmtesten Film von Mickey Rourke. Aktuell, so komme ich darauf, scheint Rourke seinem Filmcharakter Randy »The Ram« Robinson näher als seinem Ich aus goldenen Zeiten. Am vergangenen Wochenende hieß es, Rourke drohe wegen horrender Mietschulden eine Zwangsräumung. Eine Crowdfundingkampagne sollte Geld sammeln, um das zu verhindern.
Schon die Kampagne hat mich fasziniert. Manche User stifteten dort Kleckerbeträge von drei Dollar, schrieben Rourke aber längliche, anbiedernde Kommentare. Andere schienen ehrlich betroffen und spendeten entsprechend. Ein paar Menschen gaben – meist anonym – Beträge über mehrere Tausend Dollar. Wow!
Am Montagabend dann eine filmreife Volte: Rourke wurde offenbar wider Willen beschenkt, zumindest äußert er sich entsprechend in einem Instagram-Post : »Ich würde mir eher eine Knarre in den Arsch stecken und abdrücken, als Spenden anzunehmen. Holt euch euer Geld zurück!« – Rourke, wie man ihn kennt und liebt. Seine Managerin behauptet indes, die Aktion sei mit ihm abgesprochen gewesen, aber er müsse das Geld nicht annehmen (lesen Sie hier mehr dazu).
In »The Wrestler« spielt Rourke einen alternden Schaukämpfer, geplagt von schwindendem Ruhm, Krankheit und chronischen Geldsorgen, der einfach nicht aufgeben will. Der Film brachte Rourke, auch damals eher Kategorie gefallener Star, eine Oscarnominierung ein und rehabilitierte ihn in Hollywood. Falls Sie sich lieber so an ihn erinnern wollen: »The Wrestler« kann bei Amazon Prime ausgeliehen werden.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Michail Hengstenberg, Autor im Kulturressort
Räumfahrzeug in Düsseldorf
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Personenwaage: Im Schnitt verloren Probanden mit den Abnehmspritzen 8,3 Kilogramm
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Rapper Haftbefehl bei einem Konzert in Gießen
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Veganuary: »Na, meine süßen rosa Freunde! Auf euch freue ich mich wieder im Februar!« Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Helena Baumeister / DER SPIEGEL
Schauspieler Mickey Rourke 2022: Fans des strauchelnden Kinohelden sollten ihm unter die Arme greifen
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