Frankreich ist geschlagen, die Hauptrunde überstanden, nun wartet Kroatien: Deutschland spielt am Freitag (17.45 Uhr) um den Finaleinzug bei der Handball-EM. Wie ist die Ausgangslage vor der Partie? Was zeichnet den Gegner aus? Ein Überblick.
Kroatien kommt mit Wut im Bauch
Der Ton war schon am Vortag gesetzt. Dagur Sigurdsson, der ehemalige deutsche Titeltrainer und heutige Coach der Kroaten, stellte mit einer fast fünfminütigen Wutrede den europäischen Handball-Verband für dessen Organisation und den Spielplan in den Senkel: »Es ist eine Schande! Absolut schockierend!« Mehr zu Sigurdssons Auftritt lesen Sie hier.
Kroatien musste in der Hauptrunde zweimal innerhalb von 24 Stunden spielen. Während die Deutschen sich kurieren konnten, reiste der Gegner von Malmö aus nach Herning. »Was die Belastung betrifft, haben wir ein Ungleichgewicht im Turnierbaum. Diesen Wettbewerbsvorteil gilt es zu nutzen«, sagte Nationalmannschafts-Manager Benjamin Chatton. Die Kroaten aber sind bekannt dafür, aus ihrem Zorn besondere Energie zu ziehen.
Die Abwehrstärke
Auch der deutsche Kreisläufer Jannik Kohlbacher ist ein Mann klarer Worte. So sagte er am Donnerstag zu der Abwehrstärke der Kroaten: »Die werden probieren, uns zu vermöbeln.« Kohlbacher freut sich auf solche physischen Auseinandersetzungen. Gegen Frankreich legte sich mit Superstar Dika Mem an, weil dieser einen Zweikampf »wie eine Majestätsbeleidigung« aufgefasst habe. In der Bundesliga werde Mem bald anderen Gegnern als in Spanien gegenüberstehen: »In Eisenach bekommt er dann dermaßen auf die Fresse«, so Kohlbacher.
Ähnlich handfest wie in Eisenach geht es bei den Kroaten zu. Das Thema Aggressivität des Halbfinalgegners packte der Deutsche Außen Lukas Zerbe in seichtere Worte, warnte seinerseits eher vor der Flexibilität: »Sie sind sehr variabel in ihrer 6-0-, 5-1- oder 3-2-1-Deckung.«
Bekannte aus der Bundesliga
Der Überspieler Domagoj Duvnjak von Kiel hat nach der WM im vergangenen Jahr seinen Rücktritt erklärt. Viele andere Topakteure sind aus der Bundesliga bekannt: Rückraum Ivan Martinovic, mit 30 Treffern bester Schütze, spielte für Hannover, Melsungen und die Löwen. Torhüter Dominik Kuzmanovic läuft derzeit für Gummersbach auf und kostete die Deutschen vor zwei Jahren bei der EM in Köln ordentlich Nerven. Dauerbrenner bei den Kroaten ist Rechtsaußen Mario Sostaric. Er weist dabei eine starke Quote beim Siebenmeter (88 Prozent) und bei der Wurf-Effektivität insgesamt (83) auf. Luka Cindric hält in der Mitte die Fäden in der Hand.
Die »gefährliche« Zuversicht
DHB-Manager Chatton war am Donnerstag bemüht, die Euphorie zu bremsen: »Die Kroaten sind psychologisch im Vorteil.« Weil ihnen die Underdog-Rolle zugeschoben werde: Deutschland hat mit einem Sieg über den Titelverteidiger die »Hammergruppe« überstanden, Kroatien in der vermeintlich leichteren Gruppe erst kurz vor dem Ende das Ziel erreicht. Zudem fielen die Testspiele der beiden Teams gegeneinander vor der EM deutlich zugunsten der DHB-Auswahl aus. Da spricht vieles für einen Finaleinzug.
Die jüngsten Pflichtspiele aber entschied Kroatien für sich. Hinzu kommt: Bei den Freundschaftspartien hatte Kroatien personell noch herumprobiert. Zu viele Ableitungen aus diesen Erfolgserlebnissen von Anfang Januar sind also gefährlich. Zumal Kroatien, wie Torhüter Andreas Wolff unterstrich, eine »echte Turniermannschaft ist und sich immer steigern kann«.
Viel Tempo und Torhüterleistung
Trotz alledem ist Deutschland nicht zuletzt nach dem Gala-Auftritt gegen Frankreich favorisiert. Die Mannschaft überzeugt mit ihrer Breite und liegt auch in diesem Punkt gegen Kroatien vorn. Deutschland muss mit Tempo und schneller Spielführung die kroatische Defensive knacken. Der Rückzug der Kroaten war schließlich verbesserungswürdig. Außerdem kann Deutschland den wurfgewaltigen Martinovic früh aufnehmen und damit einen wichtigen Faktor des kroatischen Angriffs aus dem Spiel abschwächen. Der wichtige linke Rückraum Zvonimir Srna fällt wohl verletzt aus. Auf der Torhüterposition ist Deutschland besser aufgestellt.
Und zum Thema gefürchtete Härte beruhigte der Bundestrainer Alfreð Gíslason am Donnerstag: »Da sind immer noch Schiedsrichter auf dem Platz. Unsere Mannschaft ist außerdem gereift und kann sehr wohl dagegenhalten.«
Kroatiens Trainer Dagur Sigurdsson während des Hauptrundenspiels gegen Ungarn
Foto: Johan Nilsson / TT / AFPBereit, gegen die Kroaten dagegenzuhalten: Deutschlands Kreisläufer Jannik Kohlbacher
Foto: Sina Schuldt / dpa