Tot sind sie seit etwa 5500 Jahren, aber immer noch halten sie einander zärtlich umschlungen, ganz wie ein Pärchen, das beschlossen hat, für immer zusammenzubleiben. Wer ihre einander zugewandten Gebeine heute sieht, ein Schädel ganz nah an dem anderen, der reagiert oft ergriffen. Die beiden wirken wie die Steinzeitversion von Romeo und Julia. Sie waren jung, als der Tod sie irgendwann im Alter von 16 bis 22 Jahren ereilte. Jemand hat sie so für die Ewigkeit gebettet, aber warum?
Die scheinbar innig kuschelnden Skelette wurden 2007 bei Ausgrabungen im Norden Italiens entdeckt. Seither haben sie sich einigen Ruhm erworben als »die Liebenden von Valdaro«. Für manche Fachleute sind sie der Beleg dafür, dass die Sehnsucht nach romantischer Liebe in Monogamie schon damals bestanden hat, als Menschen gerade anfingen, sesshaft zu werden, Häuser zu bauen, Ackerbau zu betreiben. Liebesbriefe wurden damals mangels Schrift noch nicht geschrieben, aber kann ein so ungewöhnliches Doppelgrab wie dieses als Beleg gelten für die Gefühlswelt der damaligen Gesellschaft?
Meine Kollegin Julia Köppe, selbst studierte Archäologin, hat in diesem Heft einen faszinierenden Text geschrieben über die Möglichkeit, dass die feste Partnerschaft schon in der Steinzeit ein Ideal der Menschen gewesen sein könnte. Dieser Idee gegenüber steht die vielleicht arrogante Ansicht, dass Steinzeitbewohner ungehemmt, ungebunden und wild gelebt hatten, ähnlich wie Bonobo-Menschenaffen, die sich fast täglich mit neuen Geschlechtspartnern vergnügen.
Julia hat mit Forschern gesprochen, die anhand uralter Knochen Stammbäume von Familien analysiert haben. Sie fanden etwa Hinweise auf viele Geschwister, aber wenige Halbgeschwister – was sie als weiteren Beleg dafür ansehen, dass monogame Langfristbeziehungen tatsächlich schon in der Steinzeit bestanden.
Vielleicht waren Ackerbau und Viehzucht nicht die einzigen revolutionären Neuerungen des Neolithikums. Die feste Zweierbeziehung könnte damals aus eher nicht so romantischen Gründen erfunden worden sein, zum Beispiel um den Nachwuchs und den wachsenden Familienbesitz besser abzusichern. Das Stück über »die Liebenden von Valdaro« und seine möglichen Hintergründe lesen Sie hier .
Herzlich,
Ihr Marco Evers
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Bild der Woche
Das sogenannte Haareis ist derzeit in Buchen- und Eichenmischwäldern zu beobachten, bei Windstille und Temperaturen um den Gefrierpunkt. Im Winterwald entsteht dann plötzlich und nur für kurze Zeit eine Art Zuckerwatte. Tatsächlich sind es hauchdünne Eisfäden, und wie sie sich bilden, ist noch nicht völlig geklärt. Eine wichtige Rolle spielen dabei spezielle Pilze auf dem faulenden Totholz, die das dort enthaltene Wasser herausdrücken, bis es gefriert. Die Eishaare sind oft kaum dicker als 0,02 Millimeter.
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»Liebende von Valdaro«: Einblick in die Gefühlswelt der Steinzeit?
Foto: Dario Pignatelli / Polaris / laif