Deutschland bröckelt nur so vor sich hin. Ob Autobahnbrücken, Schulgebäude, Bahn oder Bundeswehr: alles marode und von gestern. Der Modernisierungsstau lähmt die Gesellschaft und macht auch nicht halt vor der Fortpflanzungsmedizin. Auf ihre Segnungen sind viele kinderlose Paare angewiesen, doch die Regeln, die dort gelten, sind inzwischen größtenteils überholt und teils sogar kontraproduktiv. Was viele Betroffene, Fachleute und Wissenschaftlerinnen heute über das Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1991 sagen, lässt sich in drei Worten zusammenfassen: gefährlich, ungerecht, forschungsfeindlich.
Hat ein Mann miserables Sperma, darf einem Paar mit Kinderwunsch mit einer Samenspende geholfen werden. Sind aber die Eizellen der Frau das Problem, so heißt es: Pech gehabt. Dem Arzt, der hierzulande eine gespendete Eizelle überträgt, droht sogar eine Haftstrafe. In Spanien oder Tschechien ist das anders, wie in fast allen EU-Staaten. In Barcelona oder Prag florieren Hunderte Kliniken, die Abertausenden deutscher Paare mit den Eizellen fremder Frauen zu Kindern verhelfen, die es in diesem Land eigentlich nicht geben darf.
Meine Kollegin Kerstin Kullmann hat die Absurditäten des deutschen Embryonenschutzgesetzes zusammengetragen, das noch hinüberragt aus der Ära Helmut Kohls. Sie sprach mit betroffenen Frauen, mit Wissenschaftlerinnen und Ärztinnen. Ihr Befund: Die Reproduktionsmedizin in Deutschland könnte viel mehr leisten, als sie darf. In anderen Ländern wird ganz selbstverständlich Tage nach der Befruchtung der best entwickelte und vitalste Embryo in die Gebärmutter eingesetzt. In Deutschland ist das schwierig.
»Die Kinderwunschmedizin ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen«, schreibt Kerstin. »Das Embryonenschutzgesetz nicht.« Nicht nur Frauen und Paare, auch Forscher müssen ins Ausland gehen, denn auf deutschem Boden dürfen sie nicht einmal ergründen, warum sich manche befruchtete Keimzellen entwickeln und andere nicht. Womöglich naht zumindest ein wenig Linderung: Auf dem anstehenden CDU-Parteitag wollen sich einige Unions-Politikerinnen wenigstens für die Legalisierung der Eizellspende einsetzen. Es wäre ein Anfang, doch viel mehr ist zu tun – wie im ganzen Land. Kerstins Bericht, dessen Inhalt ich als beschämend empfinde, können Sie hier lesen.
Herzlich,
Ihr Marco Evers
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Befruchteter Embryo im Labor: Untersuchung verboten
Foto:Lenka Grabicova / DER SPIEGEL