So können Spitzenspiele (leider) auch mal sein

Szene des Spiels: Die hätte man im Grunde aus jeder Minute des Spiels entnehmen können. Weil sie sich fast alle glichen: Ballgeschiebe, Ideenlosigkeit, Querpässe, fehlende Kreativität, komplette Chancenarmut. Eine vollständige Produktenttäuschung, dieses Spitzenspiel zwischen dem Tabellenführer FC Arsenal und dem Meister FC Liverpool. »Ich hätte hier auch lieber ein krachendes 4:4 gesehen«, kommentierte Sky-Livereporter Florian Schmidt-Sommerfeld. Wir alle, Schmiso, wir alle.

Resultat des Spiels: Das logische Ergebnis eines solchen Spiels. 0:0. Arsenal behält seinen kommoden Sechs-Punkte-Vorsprung vor den Verfolgern, weil auch die nachrückenden Teams an diesem Spieltag patzten. Sowohl Manchester City als auch Aston Villa kamen ebenfalls nicht über ein Remis hinaus. Hätte man auch Winterpause machen können.

Die erste Halbzeit: Kurz vor der Handball-EM präsentierte der FC Arsenal über weite Strecken mustergültiges Spiel am gegnerischen Kreis. Hin und her rotierte der Ball vor der Liverpooler Abwehrmauer, die zeitweilig aus elf Leuten bestand. Eigentlich nicht zu glauben, dass hier der aktuelle Meister zu Gast war und nicht ein verschüchtertes Kellerkind wie der FC Burnley oder Nottingham Forest. Dass die beste Chance der Halbzeit, zudem die einzige, dann doch der FC Liverpool hatte, als Connor Bradley bei einem Distanzschuss die Latte traf, fällt unter die Rubrik: Football, bloody Hell.

Die zweite Halbzeit: Plötzlich ein anderes Spiel. Liverpool mühte sich, kein Kellerkind mehr zu sein, sondern zumindest ein Mittelklasseteam wie Everton oder Brighton. Und Arsenal, bisher zu Hause eine Macht, fiel überraschend wenig ein gegen die aktiveren Gäste. Im Grunde passierte gar nichts mehr. Tucholsky hätte gefragt (wenn er sich für Fußball interessiert hätte): »Und dafür zieh' ich 'nen Smoking an?«

Niederländer des Spiels: Liverpools niederländischer Trainer Arne Slot hatte vier Landsleute um Kapitän Virgil van Dijk und einen starken Jeremie Frimpong in die Startelf beordert. Dumm nur, dass der beste Oranje auf dem Platz trotzdem der fünfte war und auf der anderen Seite seine Arbeit verrichtete: Arsenals Außenverteidiger Jurrien Timber ist in dieser Saison zur Bestform aufgestiegen.

Bayer versus Bayer: Nach einer halben Stunde mussten die Arsenal-Fans dann doch mal tief durchatmen, als Liverpools Jeremie Frimpong im Duell mit Arsenals Piero Hincapie im Strafraum zu Fall kam. Ein pikantes Duell: Hatten die beiden doch bei Bayer Leverkusen noch gemeinsam die Meisterschaft errungen. Für einen Elfmeter reichte der Zusammenprall aber nicht. Ach, ja, es spielte ja noch ein dritter Leverkusener mit: Florian Wirtz. Damit er hier auch Erwähnung findet. Nun, ja, ein schönes Dribbling direkt nach der Pause hatte er schon, man will nicht ungerecht sein.

Zahl des Spiels: Schon vor der Partie war Liverpools Kante Virgil van Dijk der Spieler mit den mit Abstand meisten Kopfballklärungen in der Premier League. 116. Das spricht erstens dafür, dass der FC Liverpool ein Problem damit hat, gegnerische Chancen zu vermeiden. Und zweitens dafür, dass mittlerweile wirklich alles statistisch erfasst wird.

Zitat des Spiels: »Ich glaube ihm.« Sky-Experte und Ex-Arsenal-Profi Shkodran Mustafi mit seinem Glaubensbekenntnis an Arsenal-Ciach Mikael Arteta. Das ist es vermutlich, was einen Trainer so stark macht: wenn seine Spieler an ihn glauben. Aufgestiegen in die Spitze mit den Gunners, aufgefahren in den Fußballhimmel.

Erkenntnis des Spiels: Am Wochenende beginnt endlich wieder die Bundesliga. Das wahre Spektakel. Werder gegen Hoffenheim, Union gegen Mainz, Gladbach gegen Augsburg. Was ist dagegen schon die Premier League?

Jeremie Frimpong, früher Bayer, jetzt Liverpool

Foto: Neil Hall / EPA

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