Wie gefährlich ist Mikroplastik wirklich?

Mikroplastik steht im Verdacht, schwere Krankheiten wie Herzinfarkte oder Demenz zu fördern. Winzige Kunststoffteilchen wurden inzwischen im Meer, in Böden, in der Luft nachgewiesen. Doch wie gefährlich ist das Mikroplastik tatsächlich für die Gesundheit? Wissenschaftler streiten derzeit öffentlich über diese Frage. Mein Kollege Martin Schlak ist dem Forscherzwist nachgegangen. Seine Geschichte lesen Sie hier. 

Auslöser des Streits ist eine US-Studie, in der Forschende Mikroplastik in Organen Verstorbener fanden. In manchen Hirnproben habe der Kunststoffanteil fast ein halbes Prozent des Gesamtgewichts betragen, berichtete das Team. Gehirne von Menschen mit Demenz seien besonders stark belastet gewesen. Zwar behaupteten die Autoren keinen ursächlichen Zusammenhang, dennoch sorgte die Studie international für Schlagzeilen.

Der Leipziger Umweltwissenschaftler Dušan Materić zweifelt an den Ergebnissen. Vor allem bei Gewebeproben seien die Messungen heikel. »Jede Methode hat ihre Grenze«, sagte Materić meinem Kollegen, »die muss man beachten.« Die verwendete Analysetechnik könne Fett und bestimmte Kunststoffe kaum unterscheiden. Da das Gehirn besonders fettreich sei, bestehe der Verdacht, dass nicht nur Plastik gemessen worden sei. Zudem fehlten sogenannte Blindproben. »Ohne Blindproben kann man nicht wissen, ob der gemessene Kunststoff vom Gewebe selbst oder aus der Umgebung kommt.«

Auch eine weitere italienische Untersuchung, die Mikroplastik in Gefäßablagerungen mit Herzinfarkten und Schlaganfällen verknüpfte, wurde infrage gestellt. Experten wiesen darauf hin, dass die gefundenen Kunststoffarten typisch für medizinische Produkte seien. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hält es für »denkbar und plausibel«, dass die Teilchen über Katheter oder Infusionen in den Körper gelangt seien.

Von einer Entwarnung sei dennoch nicht zu sprechen. Laut Materić dürfe die Kontroverse nicht dazu führen, die Risiken des Mikroplastiks kleinzureden. »Wenn wir jetzt nicht genau hinschauen, schlittert das Forschungsfeld in ein noch größeres Problem.«

Herzlich


Ihre Kerstin Kullmann

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Aufräumarbeiten am Kedonganan-Strand in Indonesien: Wenn die Flut Unmengen Plastikmüll anspült

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