Was wird 2045 aus den Heizkellern gerissen?

Erdgas ist ein flüchtiger Stoff. Der Irankrieg macht noch deutlicher als zuvor, wie wenig Verlass auf den fossilen Energieträger ist: Die Verflüssigungsanlage am weltgrößten Gasfeld in Katar ist wohl auf Jahre hinaus beschädigt, die wichtige Route der Tankschiffe durch die Straße von Hormus vorerst blockiert. In dieser Situation erscheint es ratsam, das Verfeuern von Gas so schnell wie möglich zu beenden – nicht nur zum Klimaschutz, sondern auch aus Kostengründen.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) erweckt jedoch unbeirrt den Eindruck, Gas sei eine sichere Sache. Im neuen Entwurf ihres Ministeriums für ein Heizungsgesetz steht die bisherige Heiztechnik der meisten Deutschen auch für die Zukunft an erster Stelle.

Eine Liste von »Optionen für den Ersatz einer Heizungsanlage« beginnt mit:

  • »1. eine Heizungsanlage, die mit Gas, Heizöl oder Flüssiggas beschickt wird«

Erst danach folgt die in den meisten Fällen sinnvollste Wärmepumpe sowie weitere Heizungsarten, bei denen Gas oder Öl teils noch eine Rolle spielen.

Die politische Botschaft hinter diesem »Gebäudemodernisierungsgesetz« ist klar: Im Gegensatz zu anderen Ländern wie Dänemark oder neuerdings Frankreich schreibt der deutsche Staat nicht vor, welche Heiztechnik Hauseigentümer anschaffen dürfen.

Das Signal an die Bürger lautet: Macht weiter wie gewohnt; habt keine Angst, dass euch jemand vom Amt die Kessel aus den Kellern reißt und euch eine teure Wärmepumpe aufzwingt.

Und das Signal an die Anbieter fossiler Brennstoffe sowie dafür gebauter Anlagen lautet: Euer Geschäft hat Zukunft.

Widerspruch nur noch verbrämt

Damit gerät die schwarz-rote Koalition in Konflikt mit dem Klimaschutz, an den sie nach wie vor gesetzlich und vertraglich gebunden ist. Wenn Deutschland bis 2045 klimaneutral werden soll und die Atmosphäre nicht weiter mit Treibhausgasen belasten darf: Wie können kurz vorher noch neue Heizungen angeschafft werden, die Jahrzehnte halten und im Betrieb CO₂ ausstoßen?

Dieser Widerspruch wird nur noch verbrämt, nicht gelöst. Mit Begriffen wie »Grüngasquote« und »Biotreppe« ist die Koalition kreativ geworden. Gasheizungen sollen demnach einen steigenden Anteil Biomethan verbrennen, das sich unter Umständen und mit viel gutem Willen als klimaneutral einstufen lässt. Allerdings lässt sich nicht annähernd genug  davon produzieren. Heizen mit Biomethan würde wohl weit teurer werden, als auf Wärmepumpen umzusteigen.

Quoten viel zu hoch – und viel zu niedrig

In diesem Sinne sind die Quoten, die der Entwurf für sogenanntes grünes Gas oder Wasserstoff beim Betrieb neuer Gasheizungen nennt, viel zu hoch. Und gleichzeitig trotzdem viel zu niedrig, um den Klimazielen gerecht zu werden.

Die Biotreppe beginnt 2029 mit einer Grüngasquote von zehn Prozent und endet 2040 bei 60 Prozent. Und danach? Um das Klimaschutzgesetz einzuhalten, müsste die Quote bis 2045 steil auf 100 Prozent steigen – was das Heizen spätestens dann für die meisten unbezahlbar machen würde.

Sollte dieser Entwurf so oder ähnlich beschlossen werden, wäre das der wahre Heizhammer.

Sinn lässt sich nur mit radikalen Szenarien in das Vorhaben hineindeuten: Entweder müssen bis 2045 tatsächlich alle Gas- und Ölheizungen aus den Häusern gerissen werden, einschließlich der gerade erst angeschafften. Oder etwas anderes wird woanders herausgerissen, nämlich der Anspruch auf Klimaneutralität aus dem Gesetz. Oder als dritte Variante: Der Einbau von Gas- und Ölheizungen wird etwa für Vermieter finanziell so unattraktiv  gestaltet, dass sie fast niemand mehr kaufen möchte. Das mit der Freiheit im Heizungskeller wäre dann aber gelogen.

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Bleiben Sie zuversichtlich.

Ihr Arvid Haitsch,
Redakteur Mobilität

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Foto: Thomas Trutschel / BMWE / IMAGO

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