Warum ich gerade nach dem Pumuckl-Prinzip erziehe

Frage ich mein Kind, wie die Schule war, ist die Antwort oft kurz: Gut. Auch wenn’s mal nicht gut war. Frage ich: »Wie geht’s?«, gerät der Small Talk auch schnell zum Tiny Talk. Häufige Antwort: »Gut.«

Kein Wunder, sagt Leslie John, Professorin an der Harvard Business School und Autorin von »Revealing«, einem Buch darüber, wie man sich in Gesprächen besser öffnet. Die falschen Fragen führten oft zu einstudierten Antworten – und in der Folge Funkstille. Sie hat einen simplen Tipp: Im Amerikanischen müsse man zur Frage »How are you?« einfach ein Word hinzufügen: »How are you feeling?« Auf Deutsch also: »Wie fühlst du dich?« statt dem kürzeren »Wie geht’s?«

Dieser Kniff könne eine Konversation zwischen zwei Menschen, die sich gut kennen, bereichern, sagte John der »New York Times«. Mir kommt das vor wie ein Ratschlag, den ich schon tausendmal gehört habe – und den ich selten befolge. Warum es sich lohnt? Es gebe uns die Gelegenheit, etwas zu sagen, was weniger mechanisch sei, sagt Verhaltensforscherin John. Nicht ausgeschlossen, dass auf so eine Frage erst mal eine Pause folge – schließlich müsse man über eine passende Antwort erst mal nachdenken, oder gar: in sich hineinspüren.

»Wie fühlst du dich?« Diese Frage steht auch auf dem Titel der neuen Ausgabe von SPIEGEL WISSEN. Das Heft beschäftigt sich auf vielfältige Weise mit dem Thema Emotionen, erhältlich ist es am Kiosk sowie online im SPIEGEL Shop.

Trauer, Angst, Freude oder Scham – wie uns Gefühle durchs Leben steuern , erklärt etwa meine Kollegin Maren Keller. Wie es ist, wenn man nicht weiß, ob man lachen oder weinen  soll, schildert meine Kollegin Heike Klovert.

Und ich fühlte mich ertappt, als mir die Kinderpsychotherapeutin Hilal Virit im Interview erklärte, warum man das Verhalten seines Kindes nicht so intensiv kommentieren sollte – etwa: Es solle nicht »so albern« oder »übermütig« sein. Kinder brauchen so was nicht, sagt Virit. Sie sollen »ihre Emotionen erleben dürfen – und gerade im Spiel mit Gleichaltrigen lernen, wie soziale Dynamiken funktionieren«.

Viel zu lange hätten Erwachsene die Gefühle von Kindern kleingeredet oder bewertet, sagt Virit. Teils passiere es immer noch. Jungs sollten sich »nicht so anstellen«, Mädchen ihren Zorn herunterschlucken. Sie warnt: »Dabei übersieht man, was an Gefühlen so hilfreich ist 

Eltern können nicht alles in der Erziehung richtig machen. Aber Raum zu geben für Emotionen, viel über sie zu sprechen, Kindern einen großen Wortschatz für Gefühle zu schenken – das ist etwas, das die Kinderpsychotherapeutin als herausragend wichtig darstellt.

Für den Umgang mit Wut hat sie übrigens einen Tipp: Einfach mal einen kleinen weichen Ball mit Karacho auf den Boden donnern und dabei ein »Ich darf wütend sein!« raushauen. Denn in hitzigen Situationen schrillt die emotionale Alarmanlage ganz schön laut. Dann sind wir nicht in der Lage, sofort über all das zu sprechen, was uns gerade bewegt – eine Problemlösung ist in dem Moment der emotionalen Erregung kaum möglich. Die Emotionen erst mal zu regulieren, ohne sie wegzuschieben, kann helfen.

Anders gesagt: Lass einfach alles raus! Ich nenne die Methode bei uns zu Hause inzwischen das Pumuckl-Prinzip, nach dem berühmten Kobold mit dem roten Haar. Der hatte ja vor einiger Zeit sein Comeback – mit einem jungen Meister Eder (Florian Brückner), dem Neffen des alten Schreiners aus der Originalserie. Seit wir als Familie den Film »Pumuckl und das große Missverständnis« im Kino sahen, sind wir dem Kobold verfallen. Diese Woche gibt es von mir keinen Buch-, sondern einen Serientipp.

Was Sie schauen könnten

Natürlich die »Neuen Geschichten vom Pumuckl«. Es gibt sie im Stream bei RTL+  oder im Handel zu kaufen. Manche Szenen können meine Kinder inzwischen mitsprechen.

Was ich an den neuen Pumuckl-Storys mag: Wie es den Macherinnen und Machern gelungen ist, die markante Stimme des Kobolds nachzuahmen, obwohl der Schauspieler und Pumuckl-Sprecher Hans Clarin seit mehr als 20 Jahren tot ist. Sie engagierten für die neue Stimme den Kabarettisten Maxi Schafroth und halfen mit KI nach.

Noch besser: Wie sich die Serie verändert hat. Natürlich wirbelt Pumuckl immer noch jede Menge Sägespäne durch die Werkstatt und »wegversteckt« die Feile von Meister Eder. Aber es geht an vielen Stellen auch um Pumuckls Persönlichkeit und wie sich die entwickelt. Von einem immer etwas nervigen, oft egoistisch wirkenden und natürlich auch klabauterkomischen Wesen in ein mitfühlendes Geschöpf, das man nur gern haben kann.

Kürzlich gab es neue Folgen der zweiten Staffel im Fernsehen. In der Folge »Pumuckl und das Jo-Jo« erfährt der Kobold, wie Meister Eder als Kind in der Schule geärgert wurde. Als er kapiert, wie gemein das war und wie schmerzhaft die Schikane gewesen sein muss, rastet er förmlich aus. Er habe eine Wut auf den gemeinen Mitschüler, sagt Pumuckl und tritt einen winzigen Papierkorb mit seinem nackten linken Fuß um. Und er präzisiert: »Aber vor allem hab ich eine Wut, dass da keiner war, der dir geholfen hat. Das macht mich wütend! Richtig wütend macht mich das!«

Meinen Kindern scheint die Szene imponiert zu haben, sie haben sie wieder und wieder abgespielt. Und auch wenn ich den Kobold nicht in jeder Hinsicht vorbildhaft finde (»Das ist kein Chaos, sondern schönste Durcheinanderitis.«) – in dieser Wutszene  ist Pumuckl ihr Held.

Meine Reise- und Lesetipps

Zusammen mit Kindern unterwegs zu sein, bedeutet, auch die Welt mit Kinderaugen zu sehen. Mir machen Städtetrips als Familie viel Spaß – wenn man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. München eignet sich aktuell bestens, es laufen tolle Ausstellungen für die ganze Familie. Lesen Sie hier was sich besonders lohnt – und welche Gründe noch für einen Trip an die Isar  sprechen.

Auch Dresden ist toll für eine Reise mit Kindern: Schatz-Spotting im Schloss, Tüfteln im Technikmuseum und viel Platz zum Toben: Lesen Sie hier, was es zu erleben gibt – und wie Sie Ihren Nachwuchs für Kultur begeistern .

Tipp: die Ausstellung »Wie geht’s?«  im Deutschen Hygiene-Museum: Wie bleiben wir mental gesund, wie überwinden wir Ängste, wie kommen wir wieder ins Gleichgewicht? Die Ausstellung läuft bis zum 4. April 2027. Zudem hat das Museum die Mitmachausstellung »Große Gefühle«  angekündigt. Ab Sommer seien »Kinder und alle anderen« dazu eingeladen, sich auf »eine lustige, ärgerliche, eklige und schöne Reise zu begeben und sich selbst und andere dabei besser kennenzulernen«. Was es unter anderem zu tun gibt: einen schwarzen Stein farbig werden lassen, Zaubertricks einstudieren, in einen knallroten Wutumhang schlüpfen und das Gefühl wegschütteln.

Ohne Papa in den Urlaub: Fatma Mittler-Solak fährt seit neun Jahren allein mit ihren drei Kindern in den Urlaub. »Während sie mich früher dafür anhimmelten, beäugen sie mich heute kritisch«, schreibt die SPIEGEL-Elternkolumnistin. Warum sie trotzdem wieder mit ihnen verreist .

Gemeinsam kochen und backen – Rezepte für Familien

Ihre Kinder mögen kein Gemüse? Erst recht nicht Spargel? Vielleicht fehlte bisher das richtige Rezept! Schließlich gibt es mehr als die Kombi aus Kartoffeln und Sauce hollandaise. Im Ofen, im Airfryer, karamellisiert aus der Pfanne – fünf Hacks, um Spargel neu zu entdecken .

Mein Moment

Meine Kollegin Marianne Wellershoff fragte Sie in ihrem Newsletter vor einer Woche: Wie gehen Sie in Ihrer Familie mit starken Gefühlen um? Eine Leserin schrieb uns:

»Ich war alleinerziehend mit zwei Kindern, die heute 25 und 35 Jahre alt sind. Meine Tochter ist mittlerweile selbst Mutter. Ich habe es immer so gehalten, meine Gefühle vor meinen Kindern nicht zu verstecken. Wenn ich vor meiner Tochter und meiner dreijährigen Enkelin weine, dann finden sie das total okay. Meine Tochter sagt dann zu ihrem Kind: ›Du bist doch auch manchmal traurig und weinst dann.‹ Ich bin stolz darauf, zwei so gefühlvolle und emphatische Menschen großgezogen zu haben.«

Herzlich
Ihre Julia Stanek

Eine Frage haben wir noch: Worauf sind Sie stolz, wenn Sie auf Ihre Familie blicken und betrachten, wie sie sich entwickelt hat? Schreiben Sie uns! familiennewsletter@.de .

Anmerkung der Redaktion: In den Text hatte sich ein Tippfehler eingeschlichen, statt Feile stand dort Pfeile. Wir haben die Stelle korrigiert.

Der Schrei: Lass es raus!

Foto: Jill Tindall / Moment / Getty Images

Pumuckl und Meister Eder (Florian Brückner): Es geht um die großen Gefühle – und immer noch um viel Schabernack

Foto: Constantin Film

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