Kleine Männer, große Arschlöcher

Ein Mann, zwei Persönlichkeiten: »Einmal hat er mich den Berg runtergetragen, weil ich mir den Knöchel gebrochen hab«, sagt ein Junge über den Mann, von dem er in der Wohngruppe betreut wurde. Schnitt: »Einmal hat er mir drei Finger und eine Rippe gebrochen, weil ich nicht schnell genug abgehoben habe, wie er mich angerufen hat«, sagt die Frau, die mit dem Mann verheiratet war.

War David Walcher (Roland Silbernagl) nun ein Kümmerer oder ein Schläger? Jetzt liegt er jedenfalls tot auf der Straße unweit der WG für verhaltensauffällige Jungs, die er geleitet hat. Und Oberstleutnant Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Fellner (Adele Neuhauser) erleben bei ihren Untersuchungen zu diesem Mord widersprüchliche Facetten des Mannseins.

Bei den Vernehmungen sitzen aggressive junge Männer mit Fuck-you-Fratze vor ihnen, aber auch Milchgesichter mit dem Bedürfnis nach Zärtlichkeit. Manchmal, das macht die Sache kompliziert, setzen die zärtlichkeitsbedürftigen Milchgesichter allerdings auch ein Fuck-you-Face auf. Zudem bleiben die erwachsenen Betreuer der Einrichtung undurchsichtig, mal geben sie sich pädagogisch beflissen, mal machen sie auf harte Hand.

Kleine Männer, große Arschlöcher? In diesem »Tatort« ist das Mannsein ein einziges großes Labyrinth.

Regisseurin und Autorin Katharina Mückstein hat zuvor den Wiener Neo-Noir inszeniert, in dem sich Eisner nach einem Gedächtnisverlust die Frage stellen musste, ob er in die zu ermittelnde Tat selbst involviert war . Eine spektakuläre Folge, die Mückstein in gedimmtem Blau und mit schwarz schimmerndem Jazz in Szene setzte. Die Wahrheit trat nur sehr langsam aus dem Schatten.

So verhält es sich jetzt auch in der neuen Folge (Co-Autor: Hermann Schmid), die der vorletzte Fall von Eisner und Fellner vor der gemeinsamen Pensionierung ist. Das Ermittlungsduo bohrt und bohrt in seinen Befragungen nach dem wahren Tathergang und nach der charakterlichen Verfasstheit des Toten, aber es scheinen sich immer nur Variationen der Wahrheit zu präsentieren. Es entsteht kein rundes Bild.

War der WG-Leiter ein guter Erzieher – und zugleich ein misogynes Arschloch? Sind die harten minderjährigen Kerle in Wahrheit einfach nur verhinderte Softis? Die widersprechenden möglichen Lesarten der Figuren werden in filmischen Rekonstruktionen der Tatnacht angeboten, bei denen verschiedene Zeitebenen ineinanderfließen.

Auf diese Weise entwickelt sich eine Unmittelbarkeit, durch die man teilweise gezwungen ist, selbst Bewertungen zu treffen, ohne diese durch die Erzählerinstanz abgesichert zu bekommen. Das mündige Publikum muss selbst entscheiden, ob all die kleinen und großen Männer in diesem Krimi noch für ein menschliches Miteinander zu retten sind oder nicht.

Bewertung: 8 von 10 Punkten

»Tatort: Gegen die Zeit«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser): Variationen der Wahrheit

Foto: Petro Domenigg / ORF

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