Legale Chemikalien verlangsamen Schließung des Ozonlochs

In die Atmosphäre gelangen deutlich mehr Chemikalien, die der schützenden Ozonschicht schaden, als bisher angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam anhand von Messungen an mehreren Stationen. Die Analyse wurde in der Fachzeitschrift »Nature Communications«  veröffentlicht. Wegen der erhöhten Emissionen werde es rund sieben Jahre länger dauern, das Ozonloch über der Antarktis zu schließen, teilte die Eidgenössische Materialprüfungsanstalt Empa in der Schweiz mit.

Das Schließen des Ozonlochs am Südpol ist das Ziel des 1987 vereinbarten und inzwischen von allen Uno-Mitgliedstaaten ratifizierten Montreal-Protokolls: Weltweit wurden damals Chemikalien verboten, etwa bestimmte FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe), die in Kühlschränken oder Sprays verwendet wurden. Sie schädigen die Ozonschicht in etwa 15 bis 30 Kilometern über der Erde. Diese Schicht hält einen Teil der ultravioletten Strahlung der Sonne von der Erde ab und schützt so vor Gesundheitsrisiken wie Hautkrebs oder Augenschäden, aber auch vor Ernteausfällen.

Ozonlöcher, Zonen mit geringer Konzentration von Ozon über den Polen, konnten in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verkleinert werden. Bislang wurde damit gerecht, dass sich die Schicht bis 2066 wieder komplett schließen wird. Doch der neuen Studie zufolge emittiert die Industrie in überraschend großem und zunehmendem Ausmaß Chemikalien, die Ozon abbauen, von der Regulierung aber ausgenommen wurden.

Dazu zählt der Einsatz von nicht verbotenen FCKW oder auch Tetrachlorkohlenstoff als sogenannten Feedstock-Chemikalien – Ausgangsstoffen in industriellen Prozessen, etwa um Kältemittel oder Kunststoffe zu produzieren. Die Ausnahmen wurden damit begründet, dass nur rund 0,5 Prozent der produzierten Menge entweichen würden und die Industrie sich von diesen Stoffen abwenden werde.

»Diese Einschätzung stimmt aber schon länger nicht mehr«, sagte der Hauptautor der Studie, Atmosphärenforscher Stefan Reimann von der Empa, laut Mitteilung. Den Messdaten zufolge würden bei Produktion, Transport und Weiterverarbeitung eher drei bis vier Prozent dieser Stoffe freigesetzt, »und die derzeit produzierten Mengen sind deutlich größer, als man vor 30 Jahren annahm«.

Seit dem Jahr 2000 habe die Nutzung von Feedstock-Chemikalien um rund 160 Prozent zugenommen, erklärte Forscher Reimann. Sie schädigten nicht nur die Ozonschicht, sondern verstärkten auch den Treibhauseffekt. »Weniger Emissionen würden gleichzeitig der Ozonschicht und dem Klima helfen«, so Reimann.

»Medusa«-Messsystem – ein Gaschromatograph-Massenspektrometer – für den Nachweis von Spurengasen in der Atmosphäre in der Forschungsstation Jungfraujoch

Foto: Empa

Verwandte Artikel

Next Post