Ein Kea-Papagei mit schwerer körperlicher Einschränkung hat sich in Neuseeland zum ranghöchsten Tier seiner Gruppe entwickelt. Der Vogel namens »Bruce», dem der komplette Oberschnabel fehlt, kompensiert sein Handicap durch eine neuartige Kampftechnik – und verschafft sich damit Vorteile bei Nahrung und Sozialkontakten. Das berichtet ein Forschungsteam der neuseeländischen Universität Canterbury im Fachjournal »Current Biology« .
Der im neuseeländischen Naturschutzgebiet Willowbank Wildlife Reserve heimische Kea (Nestor notabilis) war schon vor der aktuellen Studie mit ungewöhnlichem Verhalten aufgefallen und hatte das Interesse der Wissenschaft geweckt. Er nutzte etwa Kieselsteine, um sich selbst zu pflegen. Diesmal richteten die Forschenden ihr Augenmerk darauf, wie der Vogel sich in Interaktionen und Kämpfen verhielt – und was daraus für seinen sozialen Status innerhalb der Tiergruppe folgte.
Bruce nutzt seinen freiliegenden Unterschnabel auf ungewöhnliche Weise: Er setzt ihn gezielt in stoßartigen Bewegungen ein. Dabei streckt er entweder den Hals oder springt und rennt auf Rivalen zu. In 73 Prozent der beobachteten Fälle führte diese Technik dazu, dass Gegner sofort zurückwichen. Seine Methode erwies sich sogar als effektiver als klassische Kampfstrategien wie etwa Tritte.
Bruce gewann alle Kämpfe
Das Team dokumentierte 227 Auseinandersetzungen in der Gruppe der Keas, an denen insgesamt neun Männchen und drei Weibchen beteiligt waren. An 36 Auseinandersetzungen zwischen Männchen war Bruce beteiligt – und gewann alle dieser Kämpfe. Dies werten die Forscher als Beleg, dass der Vogel das Alphamännchen seiner Gruppe darstellt.
Dies hat der Studie zufolge positive Auswirkungen auf seine Lebensqualität: Der Vogel hat demnach bevorzugten Zugang zu Futterstellen und weist niedrigere Stresswerte auf. Zudem ist er das einzige Männchen, das von den anderen Männchen gepflegt wird – ein Verhalten, das von den Forschern als Zeichen sozialer Anerkennung gilt.
»Bruce ist das Alphamännchen seiner Gruppe«, sagt Erstautor Alexander Grabham. »Er hat diesen Status eigenständig erreicht – mithilfe einer völlig neuen Kampftechnik, die andere Keas mit intaktem Schnabel nicht nachahmen können.«
Fragen für den Tierschutz
Die Studie zeigt nach Einschätzung der Forschenden, wie Tiere körperliche Einschränkungen durch Verhaltensinnovation überwinden können. Besonders bei intelligenten Arten mit hoher kognitiver Flexibilität seien solche Anpassungen möglich.
»Bruce zeigt, dass Verhaltensinnovation helfen kann, eine körperliche Behinderung zu umgehen«, sagt Grabham. Die Ergebnisse werfen zugleich Fragen für den Tierschutz auf: Eingriffe wie Prothesen könnten nicht immer notwendig oder sogar sinnvoll sein, wenn Tiere teils auch eigene Lösungen entwickeln.
Die in Neuseeland lebenden Keas stehen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN) und sind als gefährdet eingestuft. Ihre Population schrumpft.