Derselbe Neurotransmitter, der üblicherweise zur Linderung von Depressions- und Angstsymptomen eingesetzt wird, kann laut einer neuen Studie eine lästige Erkrankung namens Tinnitus verschlimmern. Den als Glückshormon bekannten Stoff erklären Forschende der Oregon Health & Science University (OHSU) in Portland (USA) und der Anhui University in China zur Ursache für Tinnitus. Ihre Studie wurde in der Fachzeitschrift »Proceedings of the National Academy of Sciences« veröffentlicht.
Das Team stellte in einem Versuch mit Mäusen fest, dass erhöhte Konzentration von Serotonin im Gehirn auch zu verstärkten Verhaltenssymptomen von Tinnitus führte. Mittels Glasfaseroptik lenkten sie Lichtimpulse präzise ins Gehirn und lösten so die elektrische Aktivität von Serotonin produzierenden Neuronen aus. Anschließend testeten sie die Verhaltensreaktion der Mäuse anhand einer modifizierten Form des akustischen Schreckreflexes. Dabei beobachteten sie, dass die Aktivität im Hörzentrum des Gehirns stieg und die Mäuse sich anschließend verhielten, »als ob sie Tinnitus hörten«.
Die Ergebnisse dürften für Millionen von Menschen weltweit von Bedeutung sein, sagte Mitautor Laurence Trussell, Professor für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde an der OHSU, laut einer Mitteilung der Universität. Tinnitus ist ein ständiges Pfeifen oder Summen in den Ohren, das bei manchen Menschen Angstzustände auslöst. Weltweit leidet laut Schätzungen etwa jeder siebte Mensch darunter. Viele können damit leben, oft legt sich das Problem auch unbehandelt mit der Zeit, einige sind jedoch stark betroffen. In den meisten Fällen lassen sich die Beschwerden bislang nur lindern, nicht heilen. Das Forschungsteam sieht seine Arbeit als Grundlage für neue Behandlungsmöglichkeiten.
Gezieltere Medikamente in Zukunft möglich
Zugleich deutet sie auf eine schwierige Abwägung für Menschen, die Antidepressiva aus der gängigen Klasse der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) einnehmen. Diese Medikamente lindern die Symptome von mittelschwerer bis schwerer Depression und Angstzuständen, indem sie den Serotonin im Gehirn erhöhen. Der Botenstoff hilft bei der Übertragung von Signalen zwischen Nervenzellen und spielt eine wichtige Rolle beim Regulieren der Stimmung. Manche Patienten berichteten jedoch, dass die SSRI ihren Tinnitus verschlimmerten. Die neuen Forschungsergebnisse bestätigten diese Erfahrung, heißt es in der Mitteilung.
»Wir hatten schon länger den Verdacht, dass Serotonin an Tinnitus beteiligt ist, aber wir wussten nicht genau, wie«, sagte Co-Autor Zheng-Quan Tang von der Anhui-Universität in China. »Jetzt haben wir mithilfe von Mäusen einen spezifischen Schaltkreis im Gehirn entdeckt, der Serotonin involviert und direkt zum Hörsystem führt.« Als die Forschenden diesen Schaltkreis im Versuch deaktivierten, konnten sie den Angaben zufolge den Tinnitus deutlich lindern.
Menschen mit Tinnitus und Depression empfahl Trussell, gemeinsam mit ihrem behandelnden Arzt eine medikamentöse Therapie zu finden, die »ein sensibles Gleichgewicht« herstellt. In Zukunft könne es möglich sein, zell- oder hirnregionspezifische Medikamente zu entwickeln, die den Serotonin in einigen Hirnregionen gezielt erhöhen, in anderen jedoch nicht. Auf diese Weise ließen sich möglicherweise die positiven und wichtigen Wirkungen des Antidepressivums von den potenziell schädlichen Auswirkungen auf das Gehör trennen, so der Forscher.